Auf den ersten Seiten seiner Ethnographie Slavische Volksforschungen von 1908 macht Friedrich S. Krauss eine Behauptung, die moderne Leser noch immer verblüfft. Einer seiner Informanten aus Bosnien schrieb ihm: „An die Daseinswirklichkeit von Vampiren glauben Christen gleich Moslimen ebenso fest oder wenigstens nicht minder als an einen Gott im Himmel" (vjeruju — ko da ima Bog na nebu).
Dies war keine Übertreibung. Für die Südslawen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts — und für Jahrhunderte davor — war der Vampir kein Geschöpf aus Schauerromanen oder Groschenblättern. Er war so real wie der Nachbar, der letzten Winter gestorben war, so gegenwärtig wie das Kratzen an den Fensterläden nach Mitternacht, so gewiss wie das Vieh, das im Morgengrauen blutleer gefunden wurde.
Aber innerhalb dieser Welt des allgemeinen Vampirglaubens pflegte jede Region ihre eigenen Traditionen, ihre eigenen Namen, ihre eigenen Rituale. Und in der Küstenstadt Split und den Dörfern, die über das dalmatinische Hinterland verstreut waren, sprach man von einem Wesen, das nicht ganz wie die anderen war: dem Kozlak.
Ein Labyrinth der Namen
Bevor wir die Welt des Kozlak betreten, müssen wir zunächst durch die verwirrende Landschaft der slawischen Vampirterminologie navigieren — denn der Vampir trug viele Namen, und jeder Name trug subtile Bedeutungsunterschiede.
Krauss dokumentiert diese Vielfalt akribisch. Die Bulgaren sagten vampir, aber häufiger vapir, vepir oder vupir. Die Serben verwendeten vampir, lampir, lapir, upir und upirina — die letzten beiden Begriffe, bemerkt Krauss, hörte er am häufigsten aus dem Munde orthodoxer Priester. Die Slowenen und Kroaten bevorzugten vampir, während der ältere Begriff vukodlak (wörtlich „Wolfshaar", ursprünglich Werwolf bedeutend) auf den Vampir übertragen worden war, ohne, wie Krauss betont, jede Begriffsverwirrung im Volksglauben.
In Montenegro und der südlichen Herzegowina herrschten völlig andere Wörter vor: tenac oder tenjac (wahrscheinlich vom griechischen thénar über tenar abgeleitet, was „Gruft" oder „Krypta" bedeutet). Um jemanden dort zu verfluchen, konnte man sagen: „Da Bog da, potenčio se, kao što i hoćeš ako Bog da!" — „Gäbe es Gott, dass du zu einem Tenac werden sollst, wie du einer auch werden wirst, so Gott will!"
Auf einigen der dalmatinischen Inseln, wo slawisierte italienische Bevölkerungen lebten, wurde der Vampir Orko genannt — ein Name, der vom römischen Unterweltgott Orcus abstammt, dessen Name längst zum Synonym für Tod, Dämonen und Monster in der gesamten romanischsprachigen Welt geworden war.
Und dann gab es den Kozlak.
Der Kozlak: Mehr als ein Vampir
In und um Spalato (der italienische Name für Split) in Dalmatien fand Krauss, dass der geheimnisvolle Name Kozlak gebräuchlicher war als entweder Vukodlak oder Vampir. Die Bedeutung des Namens selbst blieb ihm dunkel — und bleibt es bis heute — aber was der Kozlak darstellte, war unmissverständlich klar.
Der Kozlak war nicht bloß ein Wiedergänger, nicht einfach ein von bösen Geistern belebter Leichnam. Der Kozlak war von Geburt an gezeichnet, und sein Zustand war erblich (nasljedno, wie die Einheimischen sagten, wobei sie den italienisch beeinflussten Begriff ereditario verwendeten). War der Vater ein Kozlak, so wurde auch der Sohn einer. Dieser erbliche Fluch platzierte das Übernatürliche direkt in der Familienlinie und machte es nicht nur zu einer Frage der individuellen Sünde oder unsachgemäßen Beerdigung, sondern des Blutes selbst.
Was den Kozlak jedoch wirklich auszeichnete, war, was er bei Lebzeiten tun konnte.
Die lebenden Kräfte des Kozlak
Anders als der Standardvampir — ein von einem höllischen Geist besessener Leichnam, der aufsteht, um die Lebenden zu plagen — zeigte der Kozlak übernatürliche Fähigkeiten vor dem Tod. Laut den Überlieferungen, die Krauss sammelte:
Wetterprophetie: Der Kozlak konnte zukünftiges Wetter mit unheimlicher Genauigkeit vorhersagen. In Bauern- und Fischergemeinschaften entlang der dalmatinischen Küste, wo der Lebensunterhalt davon abhing zu wissen, wann Stürme kommen würden, war dies eine wertvolle und beunruhigende Gabe.
Übernatürliche Geschwindigkeit: Der Kozlak konnte schneller und leichter gehen als gewöhnliche Menschen. Sie bewegten sich mit einer unnatürlichen Schnelligkeit, die sie von ihren Nachbarn abhob.
Die geheimen Bücher: Am geheimnisvollsten von allem glaubten die Menschen, dass Kozlaks besondere Bücher besaßen, die nur sie lesen konnten und aus denen sie die Kunst erlernten, Wunder zu wirken. Was diese Bücher enthielten, wie sie sie erlangten, welche Wunder sie wirkten — die Volksüberlieferung bewahrte nur Andeutungen und Flüstern.
Diese Aura verborgenen Wissens machte den Kozlak sowohl gefürchtet als auch gemieden. Krauss bemerkt, dass gewöhnliche Dorfbewohner darauf achteten, niemanden herauszufordern oder zu beleidigen, den sie für einen Kozlak hielten. Mit einer solchen Person zu streiten — zu streiten wagt er es schon lange nicht mit ihm — das würde ein Mann niemals wagen.
Als der Tod kam
Die seltsamen Gaben des Kozlak endeten nicht mit dem Tod. Wie andere Vampire erhob sich der Kozlak, um die Lebenden zu plagen, aber seine Heimsuchungen nahmen besondere Formen an.
Der Kozlak störte Haushalte in der Nacht. Er ließ Teller klappern, klopfte gegen Wände, zog sogar Karren durch den Hof. Dies waren die Manifestationen eines Poltergeists ebenso sehr wie eines Vampirs — eine ruhelose, zornige Präsenz, die nicht in ihrem Grab bleiben konnte.
Wenn solche Heimsuchungen auftraten, wussten die Familien, dass sie Hilfe brauchten, die gewöhnliche Mittel nicht bieten konnten.
Die Franziskaner und der Dorn aus den Bergen
In Dalmatien war der Franziskanerorden jahrhundertelang zentral für das Dorfleben gewesen. Die braungewandeten Mönche dienten nicht nur als Priester, sondern auch als Heiler, Lehrer und — wenn nötig — Spezialisten im Umgang mit dem Übernatürlichen.
Wenn ein Kozlak einen Haushalt plagte, suchte die Familie einen Franziskanermönch auf. Die Mönche waren bekannt für ihre zapisi — Schutzamulette mit geschriebenen Gebeten und Segnungen, die das Böse abwehren konnten. Aber wenn Amulette nicht ausreichten, war direkteres Handeln erforderlich.
Das Gegenritual war präzise und spezifisch:
- Der Franziskaner würde zum Grab des verdächtigten Kozlak reisen
- Durch Gebet und Anrufung würde der Mönch den Kozlak herbeirufen — ihn zwingen, sich zu manifestieren oder seine Präsenz anzuerkennen
- Am wichtigsten würde der Mönch den Leichnam mit einem Dorn vom Drača-Busch (spina auf Lateinisch, Weißdorn auf Deutsch) durchbohren
Aber nicht jeder Dorn genügte. Die Folklore bestand auf einer besonderen Anforderung: Der Dorn musste von einem Drača-Busch stammen, der hoch in den Bergen wächst, außerhalb der Sicht des Meeres.
Diese geografische Bestimmung ist faszinierend. Warum sollte es wichtig sein, ob der Weißdorn die Adria „sehen" konnte? Die Antwort liegt wahrscheinlich in der alten symbolischen Geografie der dalmatinischen Küste, wo das Meer eine Welt repräsentierte — die Welt des Handels, fremder Einflüsse, des breiteren Mittelmeers — während die Berge eine andere darstellten: das Alte, das Einheimische, die Mächte, die Christentum und Rom gleichermaßen vorausgingen. Der Dorn, der den Kozlak unterwerfen konnte, musste aus der Bergwelt kommen, unberührt vom Anblick des Meeres.
Die Definition des Vampirs: Zwei Bauern sprechen
Krauss bewahrt einen bemerkenswerten Austausch zwischen zwei serbischen Bauern, die versuchten zu definieren, was ein vukodlak ili vampir tatsächlich war. Ihre Meinungsverschiedenheit beleuchtet die Komplexität des Volksglaubens:
Der erste Bauer sagte: „Wir nennen so verstorbene Menschen, in die 40 Tage nach ihrem Tode ein höllischer Geist fährt und sie belebt. Der Vampir verlässt nächtlich sein Grab, würgt die Menschen in den Häusern und trinkt ihr Blut."
Aber der zweite Bauer korrigierte ihn: „Nein, du hast es gefehlt. Die verfluchte Seele findet weder in den Himmel noch in die Hölle Eingang. Der Vampir ist den Tieren (dem lieben Vieh) noch weit gefährlicher als getauften Seelen" (Menschen).
Diese Meinungsverschiedenheit enthüllt etwas Tiefgründiges. War der Vampir ein von einem Dämon besessener Leichnam, oder war es die ursprüngliche Seele, gefangen zwischen den Welten? Bedrohte er hauptsächlich Menschen oder ihre Tiere? Verschiedene Dörfer, verschiedene Familien, verschiedene Individuen hielten verschiedene Ansichten — doch alle stimmten darin überein, dass der Vampir real und gefährlich war.
Der Fluch und der Segen
Die Südslawen umgaben den Vampirglauben mit einem reichen Vokabular an Flüchen und Schutzformeln. Krauss verzeichnet, dass immer wenn über Vampire gesprochen wurde, die Menschen den rituellen Fluch hinzufügten:
„Na putu mu broč i glogovo trnje!" „Auf seinem Wege mögen Färberrötel und Weissdorndickicht gelegen sein!"
Der Verweis auf broč (Färberrötel, eine Pflanze mit blutrot Wurzeln, die zum Färben verwendet wurde) und glogovo trnje (Weißdorndornen) war nicht willkürlich. Man glaubte, dass Weißdorn am besten auf rötlichem, blutfarbenem Gestein gedeihe. Der Fluch rief so sowohl die Farbe des Blutes als auch die Pflanze an, die den Vampir durchbohren und immobilisieren konnte.
Manche Sprecher scheuten sich, das Wort „Vampir" überhaupt zu verwenden. Krauss hörte den Euphemismus „mrtva nesreća" — „das tote Unglück" oder „das tote Unheil" — stattdessen verwendet. Den wahren Namen des Wesens auszusprechen war gefährlich; besser, um ihn herumzureden, um seine Aufmerksamkeit nicht auf sich zu ziehen.
Der weitere Kontext: Kroatiens Vampirland
Der Kozlak war nicht Dalmatiens einziger Beitrag zur Vampirüberlieferung. In Istrien, im Norden, wurde der Fall des Jure Grando Alilović (1578-1656) zum ersten dokumentierten Vampirfall der europäischen Geschichte. Johann Weikhard von Valvasor verzeichnete 1689, wie Grando sein Dorf Kringa sechzehn Jahre nach seinem Tod terrorisierte, bis eine Gruppe von Dorfbewohnern unter Führung des Präfekten Miho Radetić 1672 sein Grab öffnete, den Körper intakt und lächelnd vorfand und ihn schließlich enthauptete — nachdem ein Weißdornpflock von seiner Brust abgeprallt war.
Der Vampirprozess von 1737-1738 in Dubrovnik bewahrte noch ein weiteres Vokabular: kosak, pricosak, tenjac und vukodlak erscheinen alle in den Zeugenaussagen als Namen für die Untoten.
Jede Region, jedes Tal, jede Insel entwickelte ihre eigene Variante der Überlieferung. Der Kozlak war Splits besonderer Beitrag — und ohne Krauss’ sorgfältige Ethnographie wäre er möglicherweise gänzlich aus dem menschlichen Gedächtnis verschwunden.
Was den Kozlak anders machte
Rückblickend auf die Kozlak-Überlieferung unterscheiden mehrere Merkmale ihn von anderen slawischen Vampiren:
Erbliche Natur: Während viele Vampirüberlieferungen besagten, dass bestimmte Todesarten (Selbstmord, Exkommunikation, unsachgemäße Beerdigung) Vampire schufen, wurde der Kozlak in seinen Zustand hineingeboren. Der Fluch verlief in Familien und machte es unmöglich, ihm durch Frömmigkeit oder ordnungsgemäße Beerdigung zu entkommen.
Lebende Kräfte: Die meisten Vampirüberlieferungen konzentrieren sich darauf, was das Wesen nach dem Tod tut. Die Kozlak-Überlieferung widmete den seltsamen Fähigkeiten der lebenden Person gleiche Aufmerksamkeit — Kräfte, die sie als etwas anderes als vollständig menschlich kennzeichneten, noch bevor sie starben.
Das geheime Wissen: Die geheimnisvollen Bücher, die nur Kozlaks lesen konnten, deuten auf eine Verbindung zur gelehrten Magie hin, zu Grimoires und verbotenem Wissen, die in bäuerlichen Vampirüberlieferungen ungewöhnlich ist.
Die franziskanische Antwort: Die spezifische Rolle der Franziskanermönche und ihrer zapisi zeigt, wie Volksglaube und institutionelles Christentum miteinander verhandelten. Die Kirche leugnete nicht die Existenz des Vampirs; sie stellte die rituelle Technologie bereit, um ihn zu bekämpfen.
Das Schweigen des Kozlak
Heute ist der Kozlak fast vergessen. Der Tourist, der Split besucht, wird römische Ruinen, venezianische Architektur, kroatische Küche finden — aber keine Denkmäler für das Wesen, das einst das Hinterland terrorisierte. Das Wort selbst ist weitgehend aus dem Gebrauch verschwunden.
Doch der Kozlak verdient Erinnerung, nicht als Kuriosität, sondern als Zeugnis dafür, wie reich strukturiert der Volksglaube einst war. Im Kozlak sehen wir:
- Die Verschmelzung von Vampir- und Hexenmeistertraditionen
- Den erblichen Fluch, der das Übernatürliche unausweichlich machte
- Die präzise rituelle Geografie, die Berg von Meer unterschied
- Die Verhandlung zwischen Volksglauben und institutioneller Religion
- Die Macht der Namen — die vielen Namen für Vampir, die Euphemismen, die verwendet wurden, um sie nicht auszusprechen
Krauss schrieb 1908, dass der Vampirglaube so stark war wie der Glaube an Gott. Ein Jahrhundert später haben beide nachgelassen, und der Kozlak ist mit ihnen verblasst. Aber in den Archiven, in den Seiten der Slavischen Volksforschungen, wandelt der Kozlak noch immer — schneller als gewöhnliche Menschen, Bücher lesend, die nur er verstehen kann, wartend auf den Franziskaner, der den Dorn aus den Bergen jenseits des Meeres bringen wird.
Die Hauptquelle für diesen Artikel ist Friedrich S. Krauss, Slavische Volksforschungen (Leipzig: Wilhelm Heims, 1908), verfügbar über Project Gutenberg. Krauss’ Werk bleibt eine unschätzbare Aufzeichnung südslawischer Volksglauben, die sonst verloren gegangen wären.



