In der letzten Nacht des April werden im mitteldeutschen Bergland auf den höchsten Gipfeln Feuer entzündet. Das größte brennt auf dem Brocken, einem 1.141 Meter hohen Berg am Rand dessen, was einst die DDR war. In irgendeiner Form brennen dort Feuer, seit deutsche Chroniken diesen Ort überhaupt erwähnen. Die Nacht heißt Walpurgisnacht. Sie trägt den Namen einer englischen Nonne, die 779 in Bayern starb. Sie ist mit einem Hexensabbat verbunden, der 1668 erfunden wurde. Sie enthält eine Goethe-Szene von 1808, eine Mendelssohn-Kantate von 1833 und das gestrichene erste Kapitel von Bram Stokers Dracula von 1897. Und sie wird bis heute jedes Jahr von Hunderttausenden in Schweden, Finnland, Tschechien, Deutschland und Estland begangen.
Die Form dieser Nacht, das Feuer am sogenannten Kreuzvierteltag zwischen Frühlings-Tagundnachtgleiche und Sommersonnenwende, ist älter als all diese Schichten. Der Inhalt hat sich alle paar Jahrhunderte verändert. Die Form bleibt.
Heilige Walburga: eine englische Nonne in Bayern
Walburga wurde um das Jahr 710 in Devonshire im Südwesten Englands geboren. Ihr Vater war Richard der Pilger, ein Adliger aus Wessex, der 720 auf dem Weg nach Rom in Lucca starb. Ihre Mutter war Wuna von Wessex. Ihr Onkel war der Heilige Bonifatius, der Apostel der Deutschen, jener Mann, den Papst Gregor II. 718 traf und im Mai 719 förmlich damit beauftragte, die noch heidnischen Stämme östlich des Rheins zu bekehren. Ihre Brüder Willibald und Winibald wurden beide Missionare an der Seite ihres Onkels und später selbst als Heilige verehrt.
Im Jahr 748 holte Bonifatius Walburga aus ihrem Kloster in Wimborne, damit sie sich der Mission anschloss. Sie setzte mit einer Gruppe englischer Nonnen auf den Kontinent über. Nach Aufenthalten in Bischofsheim und anderswo wurde sie Äbtissin des Doppelklosters Heidenheim am Hahnenkamm in Bayern und trat damit die Nachfolge ihres Bruders Winibald an. Dort starb sie am 25. Februar 779. Das ursprüngliche Doppelkloster wurde im Zuge der Reformation 1537 aufgelöst; ein Nachfolge-Benediktinerinnenkonvent wurde in Eichstätt errichtet und besteht dort bis heute, während das Männerhaus in Heidenheim 1803 säkularisiert wurde.
Ihr Kult begann bescheiden. Vor Ort verehrte man sie als Heilerin und Schutzpatronin gegen Seuchen, Tollwut und Stürme. Der entscheidende Moment kam fast ein Jahrhundert nach ihrem Tod. Im Jahr 870 wurden ihre Reliquien von Bischof Otkar von Eichstätt von Heidenheim nach Eichstätt übertragen und in der Heilig-Kreuz-Kirche beigesetzt; der 1. Mai ist der Tag ihres Gedenkens, und die später Papst Hadrian II. zugeschriebene Heiligsprechung gehört eher zur Hagiografie als zur gesicherten Geschichte. Aus dem Stein ihres Grabes begann eine klare, ölige Flüssigkeit zu sickern, die gesammelt und als Heilmittel unter dem Namen Walpurgisöl verteilt wurde. Das Phänomen wird an ihrem Grab bis heute beobachtet und noch immer von den Benediktinerinnen der Abtei Sankt Walburg in Eichstätt in kleine Fläschchen abgefüllt.
Das Datum dieser Übertragung, der 1. Mai, ist der Grund, warum ihr Name an der Nacht davor haften blieb. Ihr eigentlicher Gedenktag im Kalender ist der 25. Februar. Doch die mittelalterliche Kirche beging auch die translatio, also die Übertragung der Reliquien, und dieses Fest fiel auf die Nacht eines bereits bestehenden vorchristlichen Feuerbrauchs, den die Missionare nie ganz unterdrücken konnten. Der Name der Heiligen Walburga wurde zum Deckmantel, unter dem die Feuer weiterbrannten.
Mit Hexen hatte sie nichts zu tun. Diese Verbindung wurde ihr erst nachträglich zugeschrieben, von Leuten, die 800 Jahre nach ihrem Tod schrieben.
Das Walpurgisöl wird bis heute jedes Jahr von den Benediktinerinnen der Abtei Sankt Walburg in Eichstätt gesammelt. Kleine Fläschchen der klaren Flüssigkeit werden als Sakramental an Pilger verteilt. Das Phänomen ist seit dem Jahr 893 ohne Unterbrechung dokumentiert.
Der Brocken: ein realer Berg
Der Brocken ist mit 1.141 Metern über dem Meeresspiegel der höchste Gipfel des Harzes in Mitteldeutschland und liegt im heutigen Bundesland Sachsen-Anhalt. Sein Name hängt in manchen Herleitungen mit dem althochdeutschen brocho zusammen, also „Sumpf“ oder „Moor“, was auf das feuchte Plateau seines Gipfels verweist. Der erste dokumentierte Aufstieg stammt von 1572 und wurde vom schwäbischen Arzt Johannes Thal unternommen, der dort botanische Proben sammelte und eine Flora des Berges veröffentlichte. Der Name selbst erscheint bereits 1176 in der Sächsischen Weltchronik.
Drei Dinge machten den Brocken in der Vorstellung des 17. Jahrhunderts besonders geeignet als Ort eines Sabbats. Erstens ist er der höchste Gipfel Norddeutschlands und aus enormer Entfernung sichtbar. Zweitens ist der Gipfel offen und fast baumlos, ein windgepeitschtes Plateau, auf dem Felsformationen dominieren. Zwei davon trugen in der Volksüberlieferung schon im 16. Jahrhundert Namen: die Teufelskanzel und der Hexenaltar. Drittens erzeugt der Berg eine auffällige optische Täuschung, das Brockengespenst, bei dem der Schatten eines Bergsteigers auf den Nebel unter ihm geworfen wird, oft von einem kreisförmigen Halo umgeben. Wissenschaftlich beschrieben wurde das Phänomen erstmals 1780 von Johann Silberschlag, gesehen und gefürchtet hatte man es aber schon lange vorher.
Von 1961 bis 1989 war der gesamte Gipfel ein gemeinsames sowjetisch-ostdeutsches militärisches Sperrgebiet, eingezäunt und für Zivilisten unzugänglich, genutzt als Abhörposten des Warschauer Pakts. Der Brocken lag direkt an der innerdeutschen Grenze. Heute ist er ein Touristenziel, erreichbar mit der Schmalspur-Dampfbahn Brockenbahn; auf dem Gipfel gibt es ein Hotel und ein Restaurant.
Wie aus einem Heiligentag eine Hexennacht wurde
Der Hexensabbat als geschlossene Vorstellung existierte im frühen Mittelalter des Christentums noch nicht. Volkstümliche Erzählungen von nächtlichen Flügen und rituellen Zusammenkünften gab es überall in Europa, aber zum kanonischen „Sabbat“ wurden sie erst im späten 14. und 15. Jahrhundert, im Zusammenhang mit den frühneuzeitlichen Hexenverfolgungen.
Heinrich Kramers Malleus Maleficarum, 1487 in Speyer veröffentlicht, wird oft dafür verantwortlich gemacht, den Sabbat erfunden zu haben. Der Text beschreibt nächtliche Versammlungen von Hexen mit dem Teufel, nennt aber weder den Brocken noch einen anderen bestimmten Berg. Die konkrete Benennung dieser Treffen als Sabbate, verbunden mit festen Orten auf bestimmten Bergen, entwickelte sich erst langsam in den folgenden zwei Jahrhunderten durch Prozessakten, dämonologische Traktate und volkstümliche Wiederholung.
Der Text, der Walpurgisnacht und Brocken in der deutschen Vorstellung untrennbar miteinander verband, war Johannes Praetorius’ Blockes-Berges Verrichtung, erschienen 1668 in Leipzig. Praetorius sammelte Volksberichte, antike Bezüge und unter Folter erpresste Geständnisse angeblicher Hexen aus Mitteldeutschland und machte daraus ein gewaltiges illustriertes Buch, das den Brockensabbat in allen Einzelheiten schilderte. Auf dem Frontispiz wimmelt der Berg von Hexen, die auf Ziegen und Besen anfliegen.
Praetorius behandelte das Material mit einem Teil Skepsis und einem Teil schauriger Faszination, und nachdem das Buch eine Generation lang zirkuliert hatte, war der Status des Brockens als deutscher Walpurgis-Sabbatort festgeschrieben.
Der Historiker Carlo Ginzburg führte in Storia notturna (1989) die Bestandteile des Sabbats auf viel ältere europäische schamanische Tiefenschichten zurück. Sein früheres Werk I Benandanti (1966) dokumentierte überlebende friaulische Agrarsekten des 16. Jahrhunderts, deren Angehörige von nächtlichen Seelenflügen berichteten, bei denen sie um die Ernte gegen Hexen kämpften. Ginzburgs These lautet, dass der inquisitorische Sabbat eine späte Synthese war: eine feindselige Deutung volkstümlicher Traditionen ekstatischen Fliegens, rückprojiziert als Teufelsverehrung. Im Norden Deutschlands fiel diese Rolle dem Brocken zu. In Süditalien war es der Walnussbaum von Benevent. Die lokale Geografie lieferte den Schauplatz, die Struktur blieb dieselbe.
Goethes Faust: die Walpurgisnacht-Szene (1808)
Die Walpurgisnacht-Szene in Goethes Faust gab der Nacht ihre kanonische literarische Form. Sie erscheint spät im ersten Teil der Tragödie, der 1808 veröffentlicht wurde. Faust steigt zusammen mit Mephistopheles in der Nacht des 30. April auf den Brocken. Beim Aufstieg kommen sie an echten Harzer Felsformationen vorbei, der Teufelskanzel und dem Hexenaltar, die Goethe auf seiner eigenen Wanderung durch das Gebirge im Jahr 1777 gesehen hatte. Der Berg erwacht um sie herum zum Leben. Irrlichter tanzen. Hexen und Hexenmeister fliegen auf Ziegen und Besen vorbei. Sie erreichen den Gipfel und sehen den Sabbat in vollem Gange. Mephistopheles stellt Faust der versammelten Menge vor, und Faust tanzt mit einer jungen Hexe, bis sie etwas singt, das die Stimmung zerreißt. Er sieht eine Erscheinung von Gretchen, der Frau, die er ins Verderben gestürzt hat. Diese Vision ist der moralische Drehpunkt des Stücks.
Unmittelbar darauf folgt eine zweite Szene, der Walpurgisnachtstraum, ein eingeschobenes Theater-im-Theater-Stück, in dem Figuren aus Shakespeares Ein Sommernachtstraum neben politischen und literarischen Satiren der Zeit auftreten. Er gilt weithin als eine der seltsamsten Passagen bei Goethe und wird in Aufführungen manchmal ganz gestrichen.
Goethe griff auf Praetorius und auf die noch lebendige mündliche Volkstradition zurück. Zugleich schöpfte er aus seiner eigenen unmittelbaren Erfahrung des Ortes. Der Berg in Faust ist klar als Brocken erkennbar, mit seinen real benannten Felsformationen, und die Handlung spielt in der tatsächlichen Kalendernacht.
Mendelssohns Die erste Walpurgisnacht (1833)
Goethe schrieb 1799 ein langes Balladengedicht mit dem Titel Die erste Walpurgisnacht. Seine Handlung ist ungewöhnlich. Es schildert eine Gemeinschaft heidnischer Druiden und ihrer Anhänger irgendwo im Harz, die den Hexenglauben ihrer christlichen Verfolger gegen eben diese Verfolger wenden. Die Druiden inszenieren auf dem Berg einen falschen Sabbat, komplett mit Masken, Trommeln, Fackeln und Feuern, um die örtlichen christlichen Patrouillen in Schrecken zu versetzen und sich Raum zu verschaffen, ihr eigentliches Maifest zu Ehren des Hochgottes Wotan in Ruhe zu feiern.
Das Gedicht ist eine Verteidigung heidnischer Kontinuität. Die Christen darin haben Angst. Die Druiden spielen bewusst mit dieser Angst. Es ist eine der deutlichsten Stellen, an denen Goethe religiöse Sympathie für die ältere Tradition erkennen lässt.
Felix Mendelssohn vertonte das Gedicht als weltliche Kantate für Solisten, Chor und Orchester, sein Opus 60. Die Uraufführung fand am 10. Januar 1833 in Berlin unter Mendelssohns eigener Leitung statt. Später überarbeitete er das Werk gründlich und veröffentlichte die endgültige Fassung 1843. Das Stück dauert etwa 35 Minuten. Mendelssohn bewunderte den Text außerordentlich und korrespondierte noch vor Goethes Tod 1832 mit ihm darüber. Goethe selbst hat die Musik nie gehört.
Bram Stokers Dracula’s Guest (1914)
Bram Stokers Erzählung Dracula’s Guest wurde 1914, zwei Jahre nach seinem Tod, von seiner Witwe Florence postum veröffentlicht. Die Geschichte gilt weithin als ursprüngliches erstes Kapitel von Dracula (1897), das vom Verleger gestrichen wurde, um den Roman zu kürzen. Einige Stoker-Forscher bestreiten diese Herkunft, doch die Erzählung spielt eindeutig in der Welt von Dracula und hat klar mit dem Netzwerk des Grafen zu tun. Der Schauplatz ist die Walpurgisnacht.
Ein namenloser Engländer, der von München aus reist, ignoriert die Warnungen der Einheimischen und seines Kutschers. Er nimmt einen Seitenweg in ein verlassenes Tal. Vor einem Hagelsturm sucht er Schutz im Marmormausoleum der Gräfin Dolingen von Gratz in der Steiermark, die in Steiermark sucht und fand den Tod, die im Leben den Tod suchte und fand. Ein großer Wolf, größer als jeder natürliche Wolf, findet ihn dort und schützt ihn vor Sturm und Kälte. Ein Telegramm von Graf Dracula enthüllt, dass der Wolf geschickt wurde, um ihn zu bewachen. Die Geschichte endet mit der Rückkehr des Protagonisten nach München.
Die Walpurgisnacht erlaubt es Stoker, an die bereits bestehende westliche Literaturtradition der Nacht als Moment anzuknüpfen, in dem die Toten gehen und die Grenze zwischen den Welten dünn wird. Der Schauplatz ist geografisch stimmig. Die volkstümlichen Warnungen, die der Protagonist ignoriert, sind genau die Art von Warnungen, die ein bayerischer Bauer der 1890er Jahre ausgesprochen hätte.
Die Frage der Flugsalbe
Das Bild von Hexen, die auf mit magischen Salben bestrichenen Besen zum Brocken fliegen, wurde in der frühen Neuzeit kanonisch. Die historische Frage lautet, ob solche Salben wirklich existierten und was sie enthielten.
Der Historiker Carlo Ginzburg argumentierte in Ecstasies: Deciphering the Witches’ Sabbath (1989), dass das Flugerlebnis real, aber pharmakologisch war, hervorgerufen durch tropanalkaloidhaltige Pflanzen, die auf die Haut oder Schleimhäute aufgetragen wurden. Die in Frage kommenden Pflanzen sind in der frühneuzeitlichen Materia medica gut belegt: Bilsenkraut (Hyoscyamus niger), Tollkirsche (Atropa belladonna), Stechapfel (Datura stramonium) und Alraune (Mandragora officinarum). Alle vier enthalten die Alkaloide Hyoscyamin, Atropin und Scopolamin, die lebhafte Halluzinationen hervorrufen, darunter Fluggefühle, Tierverwandlungen und Begegnungen mit jenseitigen Wesen.
Der amerikanische Historiker Thomas Hatsis trug in The Witches’ Ointment: The Secret History of Psychedelic Magic (2015) die überlieferten Rezepte aus mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Quellen zusammen und arbeitete ihre Pharmakologie im Detail durch. Sein Fazit: Die Salben waren real, sie wurden von manchen Praktizierenden im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit verwendet, und die Erfahrungen, die sie auslösten, passen erstaunlich gut zur Form der überlieferten Sabbatvisionen. Ob ein einzelnes Geständnis, an einem Sabbat teilgenommen zu haben, unter Folter erpresst, vom Inquisitor erfunden oder auf einer echten salbeninduzierten Erfahrung beruhte, lässt sich aus den Prozessakten allein nicht entscheiden.
Die Pflanze, die in der deutschen Volkstradition besonders mit der Walpurgisnacht verbunden ist, ist das Bilsenkraut, Hyoscyamus niger, das im Harz reichlich wächst. Im Deutschen wurde es oft Bilsenkraut genannt, und seine Verwendung im Zusammenhang mit Flugsalben ist in der deutschsprachigen Hexenliteratur seit dem 15. Jahrhundert belegt.
Moderne Fortdauer: Wo die Feuer noch brennen
Die Feuer des 30. April werden noch immer in großer Zahl in Nord- und Mitteleuropa entzündet.
Die größte einzelne Walpurgisnacht-Feier der Welt findet in Uppsala in Schweden statt. Rund fünfzigtausend Studierende und Besucher versammeln sich entlang des Flusses Fyris zum forsränningen-Floßrennen und ziehen danach zur Universitätsbibliothek Carolina Rediviva, wo um drei Uhr nachmittags der Frühlingschoral erklingt. Diese studentische Gesangstradition besteht ohne Unterbrechung seit 1823 (ursprünglich nahe der Burg Uppsala); die heutige Mützen-Zeremonie an der Carolina Rediviva wurde in den 1950er Jahren vom damaligen Vizekanzler Torgny Segerstedt eingeführt.
Schweden. Valborgsmässoafton ist einer der am stärksten begangenen inoffiziellen Feiertage des Landes. In jeder Stadt werden Feuer entzündet. Chöre singen den Frühling willkommen. Die Universitätsstadt Uppsala hat die größte einzelne Feier: Studierende der Universität versammeln sich an der Carolina Rediviva zu einem Choral und ziehen danach zu Feuern in der ganzen Stadt. Der Tag gilt offiziell als de facto nationales Fest, obwohl er kein gesetzlicher Feiertag ist.
Finnland. Vappu verbindet Walpurgisnacht und Maifeiertag zu einem einzigen 36-stündigen studentischen Karneval, besonders intensiv in Helsinki und an technischen Hochschulen. Ingenieurstudenten tragen weiße Mützen. Sekt, Hering, ringförmige Krapfen namens munkki und ein Trichterkuchen namens tippaleipä (dünner Teig, durch einen Trichter ins heiße Fett getropft) gehören traditionell dazu. Über Nacht werden in ganz Finnland Statuen mit Studentenmützen geschmückt.
Tschechien. Pálení čarodějnic („Hexenverbrennen“) wird im ganzen Land begangen. In Städten und Dörfern werden am 30. April Hexenfiguren auf Scheiterhaufen gesetzt und verbrannt. Der Brauch bewahrt einen ausdrücklichen Bezug zu jener Hexenverbrennungstradition, die sich im 17. Jahrhundert an diese Nacht angelagert hat. Im heutigen Tschechien gilt das Ganze eher als gemeinschaftliches Frühlingsfest denn als religiöse Feier.
Deutschland. Im Harz ist die Hexentradition stark kommerzialisiert worden. Die Stadt Schierke am Fuß des Brockens veranstaltet jedes Jahr ein Walpurgisfest mit Tausenden kostümierten Besuchern. Die Schmalspurbahn setzt Sonderzüge zum Gipfel ein. In Thale gibt es einen Hexenmarkt und Tanzveranstaltungen. Vieles davon ist Touristenspektakel; manches ist aber auch Gemeinderitual, das seit dem 19. Jahrhundert fortlebt.
Estland. Volbriöö, besonders in Tallinn begangen, hat sich zu einem Frauenfest entwickelt; Frauen verkleiden sich als Hexen und ziehen gemeinsam durch die Straßen. Die Nacht vor dem 1. Mai gilt als Moment der Umkehrung, in dem traditionelle Beschränkungen für kurze Zeit außer Kraft gesetzt sind.
Die Feuer in dieser ganzen Region tun im Grunde dasselbe. Sie markieren den Kreuzvierteltag zwischen Frühlings-Tagundnachtgleiche und Sommersonnenwende, den Moment also, in dem das saisonale Gleichgewicht sichtbar gekippt ist. Das keltische Schwesterfest derselben Nacht und desselben Morgens ist Beltane (1. Mai), mit seinen eigenen Doppelfeuern, zwischen denen das Vieh hindurchgetrieben wurde. Die altirischen Zeugnisse zu Beltane und die deutschen Zeugnisse zur Walpurgis sind nicht direkt miteinander verwandt, beschreiben aber denselben landwirtschaftlichen Moment auf zwei verschiedene Arten. Beide arbeiten mit Feuer. Beide markieren die Grenze, die das Jahr in der Nacht des 30. April überschreitet.
Umkehrungen: die Church of Satan und andere späte Übernahmen
Am 30. April 1966 gründete der Schausteller und frühere Polizeifotograf Anton LaVey in San Francisco die Church of Satan. Das Datum war bewusst gewählt. Die Walpurgisnacht als christlich invertierte Nacht der Hexen lieferte ihm genau den symbolischen Rahmen, den er wollte: eine ausdrückliche, theatralische, nicht übernatürliche Umkehrung christlicher Kategorien, gedacht als Provokation und als Ausrufung dessen, was er das Jahr Eins von Anno Satanas nannte. LaVey veröffentlichte 1969 The Satanic Bible und führte die Church of Satan bis zu seinem Tod 1997 als medienbewusste Organisation.
Dass er für die Gründung ausgerechnet die Walpurgisnacht wählte, zeigt, wie dauerhaft der Ruf dieser Nacht als Umkehrungsnacht geblieben ist. 1966 war die eigentliche Volkspraxis in Amerika weitgehend vergessen, doch die literarische Tradition über Goethe, Mendelssohn und Stoker hatte das Datum kulturell lesbar gehalten. LaVey konnte darauf vertrauen, dass sein Publikum die Geste auch ohne Erklärung verstand.
Eine weniger bekannte Umkehrung: die Bayerischen Illuminaten wurden von Adam Weishaupt am 1. Mai 1776 in Ingolstadt gegründet, also am Morgen nach der Walpurgisnacht. Ob das Datum absichtlich gewählt wurde, ist umstritten; Weishaupt war Professor des Kirchenrechts und dürfte das symbolische Gewicht dieser Wahl gekannt haben.
Das Muster wiederholt sich. Bewegungen, die einen Bruch mit der bestehenden religiösen Ordnung markieren wollen, wählen immer wieder dieselbe Nacht.
Was das bedeutet
Die Walpurgisnacht ist eines der klarsten Beispiele der europäischen Geschichte für ein Datum, das seine Form bewahrt hat, während sich sein Inhalt immer wieder änderte.
Die Form ist älter als ihr Name. Ein Feuer auf dem höchsten lokalen Gipfel in der Kreuzviertelnacht zwischen Frühlings-Tagundnachtgleiche und Sommersonnenwende ist archäologisch in Nord- und Westeuropa lange belegt, bevor irgendeine Schicht des christlichen Kalenders darübergelegt wurde. Die Namen kamen später dazu, in chronologischer Reihenfolge: die vorchristliche Feuernacht, das Fest der Übertragung einer englischen Heiligen in eine bayerische Kirche am 1. Mai 870, der Hexensabbat der frühneuzeitlichen Dämonologen, der von Praetorius 1668 festgeschriebene Brockensabbat, Goethes Faust-Szene von 1808, Mendelssohns Kantate von 1833, Stokers postum veröffentlichte Erzählung von 1914, das moderne schwedische valborg und finnische vappu, die Gründung der Church of Satan 1966. Jede Schicht hat der Nacht etwas hinzugefügt, ohne die darunterliegenden Schichten auszulöschen.
Unter all dem ist die Nacht ein Marker. Europäische Gemeinschaften entzündeten am 30. April Feuer auf Hügeln und standen darum herum, weil das Jahr eine in der Landschaft sichtbare Schwelle überschritten hatte, und die menschliche Antwort auf diese Überschreitung war, etwas Helles in der Dunkelheit brennen zu lassen.
Der Inhalt ändert sich. Der Berg bleibt derselbe. Das Feuer ist älter als jeder seiner Namen.
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Quellen
Bibliographie. Dieselbe Liste findet sich auch im Frontmatter des Artikels für Zitationswerkzeuge, die diese Daten maschinell auslesen.
- Goethe, Johann Wolfgang von. Faust: Der Tragödie erster Teil. Tübingen: J. G. Cotta, 1808
- Goethe, Johann Wolfgang von. ‘Die erste Walpurgisnacht.’ Ballad poem, 1799
- Praetorius, Johannes. Blockes-Berges Verrichtung. Leipzig: Johann Scheibe, 1668
- Kramer, Heinrich. Malleus Maleficarum. Speyer, 1487
- Mendelssohn, Felix. Die erste Walpurgisnacht, Op. 60. Cantata, premiered Berlin, January 10, 1833; revised version 1843
- Stoker, Bram. ‘Dracula’s Guest.’ In Dracula’s Guest and Other Weird Stories. London: George Routledge & Sons, 1914
- Stoker, Bram. Dracula. London: Archibald Constable and Company, 1897
- Ginzburg, Carlo. Storia notturna: Una decifrazione del sabba. Turin: Einaudi, 1989. English translation: Ecstasies: Deciphering the Witches’ Sabbath. Trans. Raymond Rosenthal. New York: Pantheon, 1991
- Ginzburg, Carlo. I benandanti: Stregoneria e culti agrari tra Cinquecento e Seicento. Turin: Einaudi, 1966. English translation: The Night Battles: Witchcraft and Agrarian Cults in the Sixteenth and Seventeenth Centuries. Trans. John and Anne Tedeschi. Baltimore: Johns Hopkins University Press, 1983
- Hatsis, Thomas. The Witches’ Ointment: The Secret History of Psychedelic Magic. Rochester, VT: Park Street Press, 2015
- Thal, Johannes. Sylva Hercynia, sive Catalogus plantarum sponte nascentium in montibus, et locis vicinis Hercyniae. Frankfurt: Nicolaus Bassaeus, 1588
- Silberschlag, Johann Esaias. ‘Beobachtung des Brockengespenstes.’ Report on the Brocken Spectre, 1780
- Sächsische Weltchronik (Saxon World Chronicle), c. 1230, with reference to the Brocken from 1176
- LaVey, Anton Szandor. The Satanic Bible. New York: Avon Books, 1969
- Behringer, Wolfgang. Witches and Witch-Hunts: A Global History. Cambridge: Polity Press, 2004
- Levack, Brian P. The Witch-Hunt in Early Modern Europe. 4th ed. London: Routledge, 2016
- Bauer, Dieter R., and Wolfgang Behringer, eds. Fliegen und Schweben: Annäherung an eine menschliche Sensation. Munich: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1997
- Talbot, Charles H., ed. and trans. The Anglo-Saxon Missionaries in Germany: Being the Lives of SS. Willibald, Boniface, Sturm, Leoba and Lebuin. London: Sheed and Ward, 1954



