Winter 1526. In und um St. Gallen folgen Menschenmengen einer jungen Magd aus Appenzell namens Verena (Frena) Baumann. Sie predigt Visionen, erklärt sich als auserwählt und nennt sich laut dem Augenzeugen-Chronisten Johannes Kessler an einem Punkt sogar Christus und spricht davon, den Antichrist zu gebären. Wo immer sie hingeht, versammeln sich Menschen, werfen Münzen und sogar Kleidung auf die Straße und warten auf Zeichen. Stadtrichter zögern: bestrafen, überzeugen oder einfach vertreiben? Die Szene ist uns seltsam, aber sie entfaltete sich in einem präzisen historischen Klima: einer Stadt, die Kirche und Gesellschaft im Eiltempo neu gestaltete.
Die Stadt und ihre Bruchlinien
St. Gallen in den 1520er Jahren war eine Textilmacht und ein Reformationslabor. Der humanistische Arzt Joachim Vadian wurde 1526 Bürgermeister und steuerte die Stadt zur neuen evangelischen Ordnung. Währenddessen zogen Kesslers beliebte sonntägliche “Lesinen” (öffentliche Bibellesungen) die Schrift von der Kanzel in Werkstätten und Küchen. Laien argumentierten über Doktrin, Kaufleute finanzierten Druck, und alte und neue Autoritäten konkurrierten um Legitimität. Die Luft war dick von Erwartung und Angst.
- Altes Denken vs. neu: Die mittelalterliche sakramentale Kultur wich der Volkssprachen-Predigt, Gemeindegesang und der Idee, dass die Bibel, von gewöhnlichen Leuten gelesen, die Gesellschaft neu gründen könnte.
- Straßenreligion: Prophezeiung, Träume und apokalyptische Rede verbreiteten sich neben nüchternen Katechismen. Österreichs Kriege, der Bauernkrieg (1525) in der Nähe und Pamphlete über die türkische Bedrohung verstärkten alle eine Endzeitsstimmung.
Die Täufer treten auf
Unter den umstrittensten Innovatoren waren die Täufer (“Wiedertäufer”). Sie bestanden auf Gläubigentaufe (keine Kindertaufe), einer Kirche sichtbarer Hingabe und oft Trennung von staatlichem Zwang. In St. Gallen und Appenzell entstand das Täufertum aus Laien-Bibelkreisen; einige Mitglieder praktizierten radikale Nachfolge (einfache Kleidung, gegenseitige Hilfe, Eidverweigerung), während ein prophetischer Rand mit Visionen und Zeichenhandlungen experimentierte. Frauen waren nicht nur als Zuhörerinnen anwesend, sondern manchmal als Prophetinnen.
Verena (Frena) Baumanns Moment
Kesslers Chronik platziert Frena/Verena Baumann, eine junge Hausmagd aus Appenzell, unter mehreren St. Galler Frauen, die für eine Saison eine ekstatische Anhängerschaft führten. Zusammen mit Magdalena Müller (explizit als Täuferin benannt) und Barbara Mürgler sammelte Verena Jünger, sprach durch die Nacht, beanspruchte einen Kreis von zwölf und proklamierte sich manchmal als Christus. Sie kündigte abwechselnd an, sie würde den Antichrist gebären und nannte sich die große Hure von Babylon (Offenbarungssprache nach innen gekehrt). Die Bewegung zog neugierige Zuschauer aus Stadt und Land an.
Als der Rat schließlich eingriff, sagt Kessler, dass die Behörden Verena in Ketten im städtischen Krankenhaus/Gästehaus (Krankenherberge für Fremde) für sechs Wochen festhielten. Nach der Weigerung, nach Hause nach Appenzell zu gehen, wurde sie verbannt außerhalb von St. Gallens Gerichtsbarkeit. Ihre Gefährten wurden ihren Familien übergeben und isoliert; Rückfall konnte dauerhafte Vertreibung bringen.
“Sie gab sich als Christus aus … und die anderen glaubten es … ‘Wer dem Herrn folgen will, komme!’” — paraphrasiert aus Kessler, Sabbata
Über das “nackte” Label: Spätere Polemik schwelgt in schaurigen Details über radikale Gruppen; Kesslers Bericht betont Menschenmengen, Trance und das Ablegen von Kleidung und Geld als Zeichen der Entsagung. Ob dies inszenierte öffentliche Nacktheit in St. Gallen oder einfach dramatisches Ablegen von Kleidung einschloss, der Punkt ist derselbe: provokative Zeichenhandlungen, die soziale Normen brachen, um eine neue spirituelle Realität anzukündigen.
Warum geschah das hier?
Weil alles in Bewegung war. Einige Elemente:
- Do-it-yourself Schrift Neuer Laienzugang zur Bibel produzierte Vertrauen und Volatilität. Wenn Wahrheit gewöhnlichen Lesern klar schien, sahen traditionelle Geistliche wie Hindernisse aus. In diesem Klima beanspruchten Visionen und Prophezeiungen dieselbe Unmittelbarkeit wie die Schrift.
- Konkurrierende Reformpläne Zwinglische Pastoren und Magistraten in Städten wie Zürich und St. Gallen wollten eine ordentliche Reformation: Predigt, Schulen, Armenhilfe, moralische Disziplin. Täufer drängten auf eine Kirche nur überzeugter Erwachsener; einige prophetische Gruppen bewegten sich schneller und seltsamer, zu Endzeits-Aktion.
- Frauen und Stimme In Laienkreisen, besonders am Täuferrand, predigten oder prophezeiten Frauen manchmal. Kessler notiert explizit prophetische Aktivität von Frauen in 1526. Das Schauspiel weiblicher Führung machte diese Episoden doppelt kontrovers und magnetisch.
- Europaweite Erschütterungen Im ganzen Reich vervielfachten sich radikale Gesten: “nackte Wahrheit” Prozessionen in den Niederlanden (1535); apokalyptische Experimente in Münster (1534–35); und früher Visionäre in Zwickau und Straßburg. St. Gallens Episode sitzt auf diesem Spektrum, früher, kleiner, aber von einem Stück damit.
Vadians Linie: Festigkeit ohne Blut
Bürgermeister Joachim Vadian verkörperte den humanistisch-magistralen Ansatz der Stadt: überzeugen wo möglich, zurückhalten wenn nötig und spektakuläre Strafen vermeiden, die Märtyrer schaffen. In Verenas Fall entschied sich der Rat für Einsperrung und Verbannung, nicht körperliche Strafen. Die Politik zielte darauf ab, das Fieber zu kühlen, ohne Rebellion zu entzünden, ein Ansatz, der St. Gallen Reformationsschwung halten ließ, während er gegen Täuferextreme zurückschlug.
Was ist von Verena heute zu halten?
Für moderne Leser klingen die Ansprüche wahnsinnig. Doch als Fenster in die Zeit ist Verenas Geschichte unschätzbar. Sie zeigt gewöhnliche Menschen, die die neuen Werkzeuge der Reformation, Volkssprachen-Bibeln, Laientreffen, spirituelle Autobiographie, verwenden, um ihren Platz in der Welt neu zu schreiben. In diesem Fluss schmiedeten einige nüchterne Gemeinden; andere inszenierten Zeichenhandlungen so kühn, dass sie Nachbarn skandalisierten und Magistraten erschreckten.
Diese Mischung, Befreiung und Exzess, hallt wider, wie viele moderne Bewegungen beginnen: intensive Ideale, Do-it-yourself Medien, Straßentheater, Brüche zwischen Gemäßigten und Radikalen. Einige Teilnehmer fanden gesündere, dauerhafte Wege; andere brannten aus oder wurden hinausgedrängt. Aber niemand, der still blieb, erneuerte irgendetwas.
Zeitleiste (Auswahl)
- 1525 — Täufer-Taufen verbreiten sich von Zürich; beliebte Bibelversammlungen expandieren in St. Gallen.
- 1526 — Vadian zum Bürgermeister gewählt; Episoden von prophetischer Aktivität von Frauen in St. Gallen, einschließlich Verena Baumann, Magdalena Müller, Barbara Mürgler; Stadt verhängt Einsperrung und Verbannung.
- 1531 — (Kontext) Zwingli stirbt bei Kappel; Täufertum besteht ostwärts nach Appenzell und darüber hinaus.
- 1534–35 — (Kontext) Münsters apokalyptisches Experiment erschüttert Europa; Herrscher verschärfen Kontrolle.
Schlüsselbegriffe (Leserleitfaden)
Täufer: Sechzehntes Jahrhundert Bewegung, die Gläubigentaufe und eine freiwillige, disziplinierte Kirche befürwortet; variierte von pazifistischen Gemeinden zu apokalyptischen Rändern.
Kesslers Sabbata: Eine reich detaillierte St. Galler Reformationschronik (1523–39) von Laienreformer Johannes Kessler, oft unsere beste lokale Quelle.
Magistrale Reformation: Stadtgeführte, Pastor-und-Rat-Modell (Zwingli, Vadian), das ordentliche religiöse Veränderung durch bürgerliche Autorität sucht.
Zeichenhandlung: Eine provokative, symbolische Tat (Kleidung zerreißen, öffentliche Buße, “nackte Wahrheit”), die ohne Worte predigen soll.
Wohin gingen die Täufer? Damals & heute
Nach den 1520er–30er Jahren: Unterdrückung in Schweizer Städten (Zürich, St. Gallen, Bern) drängte Täufer dazu, sich zu definieren und zu bewegen. 1527 gaben sie die Schleitheimer Artikel heraus, ein kurzes Bekenntnis, das Gläubigentaufe, Kirchenzucht (“der Bann”), das Abendmahl als Gedächtnis, Trennung von zwingender Staatsmacht, Eidverweigerung und Gewaltlosigkeit festlegt. In der Praxis differenzierte sich die Bewegung bald:
- Schweizer Brüder → Mennoniten. In den Niederlanden sammelte Menno Simons einen pazifistischen, disziplinierten Flügel, der sich stabilisierte und ausbreitete; “Mennonit” wurde der Familienname für viele Gemeinden.
- Amische (von Jakob Ammann, 1690er). Ein strengerer schweizerisch-elsässischer Zweig; die meisten wanderten später nach Pennsylvania und Nordamerika aus.
- Hutterer (von Jakob Hutter, 1520er–30er). Gemeinschaftliche Täufer, die Gütergemeinschaft praktizieren; nach langen Wanderungen siedelten sie sich in Westkanada und den nördlichen Ebenen der USA neu an.
- Spätere Verwandte umfassen die Mennonitischen Brüder (19. Jh.) und die Bruderhof des 20. Jahrhunderts.
Heute: Die globale Täuferfamilie (besonders mennonitische Körperschaften) zählt ~2 Millionen getaufte Mitglieder in 80+ Ländern, mit stärkstem Wachstum in Afrika und Asien; historische Gemeinden bleiben in Europa und Nordamerika. Die Amischen sind in den USA und Kanada konzentriert; Hutterer leben in gemeinschaftlichen Kolonien in Westkanada und dem oberen Mittleren Westen/Westen der USA.
Häufig gestellte Fragen
F: Wer war Verena (Frena) Baumann im Kontext der St. Galler Reformation (1526)? A: Verena Baumann war eine junge Magd aus Appenzell, die kurzzeitig einen Kreis von Anhängern in und um St. Gallen führte, prophetische Autorität beanspruchte und sich manchmal sogar “Christus” nannte, wie vom Augenzeugen-Chronisten Johannes Kessler in seinem Sabbata aufgezeichnet.
F: Warum wird Verena Baumann die “nackte Prophetin von St. Gallen” genannt? A: Das Label spiegelt Berichte über dramatische Zeichenhandlungen 1526 wider, Menschen, die Geld und Kleidung als Symbole der Entsagung abwarfen. Ob dies wörtliche öffentliche Nacktheit in St. Gallen oder einfach das Ablegen von Kleidung bedeutete, der Punkt war eine schockierende, prophetische Geste, die spirituelle Umwälzung ankündigen sollte.
F: Wie antworteten St. Gallens Magistraten auf Verena Baumanns prophetische Bewegung 1526? A: Dem magistralen Reformationsmodell folgend sperrte der Rat Verena sechs Wochen lang in Ketten im städtischen Krankenhaus/Gästehaus ein und verbannte sie dann aus dem Territorium, während er ihre Gefährten an ihre Familien zerstreute, Zurückhaltung ohne märtyrerschaffende Gewalt.
F: Was war die Verbindung zwischen Verena Baumanns Kreis und Täufertum in St. Gallen? A: Kessler verbindet ihre Gefährten mit lokalen Täufer-Netzwerken (er nennt Magdalena Müller eine Täuferin). Die Episode sitzt am prophetischen Rand von Laien-Bibelkreisen, wo Täufertum, Visionen und Endzeitssprache oft überlappten.
F: Welche Primärquelle erwähnt die “nackte Prophetin”-Episode in St. Gallen? A: Johannes Kesslers Reformationschronik Sabbata (deckt 1523–1539 ab) bietet den Schlüssel-Augenzeugenbericht von Verena Baumann, ihren Ansprüchen, den Menschenmengen und den Aktionen des Rates.
F: Warum wurde St. Gallen ein Schauplatz für prophetische Episoden wie Verena Baumanns 1526? A: Die Stadt war eine Reformationsdruckzone: Vadians Reformen, Kesslers Laien-Bibellesungen, Druckkultur, nahe Unruhen (Bauernkrieg) und apokalyptische Pamphlete kombinierten sich, um ein Klima zu schaffen, wo Prophezeiung und radikale Gesten ein Publikum fanden.
F: Was erzählt uns Verena Baumanns Geschichte über Frauen und die Reformation in der Schweiz? A: Sie zeigt, dass Frauen manchmal prophezeiten und führten an der Basis, besonders am Täuferrand, was sowohl Faszination als auch Alarm provozierte. Ihre Sichtbarkeit hebt hervor, wie die Reformation kurz unüberwachte Räume für Laien-, einschließlich weibliche, religiöse Handlungsfähigkeit öffnete.



