Die ältesten astrologischen Traditionen stellten die Sonne ins Zentrum der Bedeutung, lange bevor Kopernikus sie ins Zentrum des Sonnensystems stellte. In Babylon thronte der Sonnengott Schamasch als Richter über Himmel und Erde. Priester zeichneten seine Bewegungen auf Tontafeln auf und lasen Omen aus seinen Finsternissen. Ägyptische Pharaonen beanspruchten direkte Abstammung von Ra, dem solaren Schöpfer. Die Sonne war keine Metapher für Macht. Sie war Macht, sichtbar gemacht.
Die griechische Astrologie erbte dieses System und verfeinerte es. Ptolemäus' Tetrabiblos, geschrieben im 2. Jahrhundert n. Chr., klassifizierte die Sonne als das "Große Licht", eine Quelle von Wärme und Trockenheit, die das Grundwesen einer Person bestimmte. Die mythologische Aufspaltung zwischen Helios (der den Sonnenwagen lenkte) und Apollo (Gott der Vernunft, Prophezeiung und Musik) gab der astrologischen Sonne ihren doppelten Charakter: rohe Vitalität auf der einen Seite, bewusster Zweck auf der anderen. Mittelalterliche Astrologen nannten die Sonne den König der Planeten und wiesen ihr die Herrschaft über Gold, das Herz und das rechte Auge zu.
Die moderne Bedeutung der Sonne in der Astrologie entstand im frühen 20. Jahrhundert. Der britische Astrologe Alan Leo popularisierte ab etwa 1915 Sonnenzeichen-Kolumnen in Zeitungen und reduzierte die Komplexität eines vollständigen Geburtshoroskops auf eine einzige Frage: In welchem Zeichen stand die Sonne bei der Geburt? Der Schritt war unter ernsthaften Astrologen umstritten, aber er setzte sich durch. Heute bleibt das Sonnenzeichen das bekannteste Element astrologischer Identität. In der psychologischen Astrologie steht die Sonne für das bewusste Selbst, das Ego und den Lebensweg, auf den ein Mensch zuwächst.