Hackländers Märchen: Wiederentdeckung eines vergessenen Schatzes

Hackländers Märchen: Wiederentdeckung eines vergessenen Schatzes - Eine neue englische Übersetzung bringt Friedrich Wilhelm Hackländers Märchen von 1843 zurück ans Licht - witzige, zarte und leise unheimliche Geschichten, die Wunder mit Einsicht verbinden.

Märchen ziehen sich nie wirklich zurück; sie warten. Ein solcher Schläfer – jetzt neu für moderne Leser verfügbar – ist Fairy Tales von Friedrich Wilhelm Hackländer.

Erstmals 1843 (Stuttgart) veröffentlicht, verbinden Hackländers Geschichten Laune mit einem verschmitzten Lächeln und einem klaren Blick für die menschliche Natur. Diese neue englische Übersetzung von Rade Kolbas zielt darauf ab, die Stimme des Autors und kulturelle Färbung zu bewahren, und stellt auch ein Stück wieder her, das lange im Englischen fehlte: „Das Weihnachtsmärchen".

Hackländers Charme liegt irgendwo, wo Leser von Neil Gaiman es wiedererkennen werden: das Magische Hand in Hand mit dem Gewöhnlichen, Parabel verborgen in aller Öffentlichkeit. Wenn Sie Fabeln genießen, die einen Nachglanz hinterlassen, gehört diese Sammlung auf Ihren Nachttisch.

Über den Autor

Friedrich Wilhelm Hackländer (1816–1877) war ein vielgelesener deutscher Prosaschriftsteller und scharfer Beobachter des Alltagslebens. Sein bestes Werk verbindet sanften Witz mit mitfühlender Klarheit – Qualitäten, die diese Geschichten frisch halten, lange nachdem die Moden ihres Jahrhunderts verblasst sind.

Ein Tor zur Sammlung: „Das Wichtelnest"

Zu den Höhepunkten gehört „Das Wichtelnest", wo ein Weber namens Conrad – von Nachbarn gemieden und vom Glück verlassen – sich neben einem verfallenen Turm niederlässt, der angeblich ein Spielplatz für Zwerge ist. Was folgt, ist teils Volkssage, teils moralische Fabel: eine Verhandlung zwischen menschlicher Not und überirdischen Bedingungen, geprüft durch Neugier und Gewissen.

Tauchen Sie unten ein und sehen Sie, warum Hackländers Erzählkunst noch immer wirkt.

Das Wichtelnest

Es war einmal ein Mann, der von Beruf Weber war, was bedeutet, dass er Seide und Wolle von Kaufleuten in der Stadt erhielt, aus denen er zu Hause auf seinem Webstuhl schöne Stoffe herzustellen wusste. Da das Leben in der Stadt, selbst bei der ärmlichsten Kost und der schlechtesten Unterkunft, für seinen kärglichen Verdienst zu teuer gewesen wäre, hatte er sich nach einer anderen Wohnung draußen umgesehen und schließlich eine gefunden, die, obwohl nichts weniger als bequem oder ansehnlich, ihn doch recht gut gegen schweren Regen und raues Wetter schützte.

Diese seine Wohnung stand nämlich nahe bei einem benachbarten Dorf und war eine verfallene, armselige Hütte, die an eine alte Mauer angebaut war. Von der Mauer sagte man, sie sei in alten Zeiten ein Gefängnisturm gewesen und habe zu einem ausgedehnten Schloss gehört, dessen Ruinen man noch auf einem benachbarten Felsen sehen konnte. An diesen Gefängnisturm hatte der Dorfhirte früher ein kleines Haus aus alten Balken und ärmlichen Brettern gebaut und hier gelebt, um seine Schafe zu beaufsichtigen, die gern zwischen den alten Mauern umherstreiften und sich am fußhohen, saftigen Gras zwischen den schwarzen, halbverbrannten Steinen zu erfreuen schienen.

Doch der Hirte hatte hier nicht sehr lange gelebt, als ihn recht beunruhigende Umstände zwangen, seine kleine Behausung zu verlassen. Oft mitten in der Nacht geriet seine Schafherde, die sich teils nahe seiner Hütte, teils im alten Burghof niedergelassen hatte, in solche Verwirrung und solchen Aufruhr, als wären ein Dutzend Wölfe unter sie geraten. Die armen Schafe blökten jämmerlich und zerstreuten sich in wahrer Todesangst hierhin und dorthin, wohin auch immer eine Öffnung in den Mauern der alten Burg ihnen Durchgang erlaubte. Dann musste der Hirte aus Leibeskräften rufen und pfeifen, aber trotzdem wollte keines der sonst so gehorsamen Tiere auf seinen Ruf hören und zurückkehren. Vielmehr schauten sie in ihrer Angst nicht, wohin sie liefen, und es geschah nicht selten, dass sie zwischen die Felsen fielen und elend umkamen. Die Hunde des Hirten, die tagsüber oft den Wolf gründlich zerzaust und zurückgetrieben hatten, zogen während dieses Schauspiels, das mitten in der Nacht ausbrach, die Schwänze ein, heulten vor Angst und waren weder durch Schläge noch durch gute Worte dazu zu bewegen, unter die Schafe zu gehen und sie ordentlich zurückzubringen.

Der Hirte, gewiss nicht der ängstlichste der Menschen, war über den Verlust seiner Schafe verzweifelt und daher sehr wachsam und schnell bereit zu reagieren, wann immer ein solches irres Schauspiel wieder begann, was meist in einer Vollmondnacht geschah, und obwohl es dann so hell war, dass er seine gesamte Umgebung übersehen konnte, sah er nie das Geringste, weder Wölfe noch böse Menschen, die seine Herde in Unordnung hätten bringen können. Jedoch dachte der Hirte, wenn er zwischen den unruhigen Tieren hin und her lief, dass er bald hier bald dort ein leises Lachen hörte oder den Jagdruf: „Hallo, hallo!", wie Jäger ihn ausstoßen, wenn sie Wild vor sich her durch die Wälder jagen.

Nachdem der Hirte mit mehreren Leuten aus dem Dorf, die zunächst den Hirten selbst wegen des Verlustes ihrer Schafe verdächtigt hatten, viele Vollmondnächte lang gewacht und das Schauspiel mit eigenen Augen gesehen hatte, auch das leise Lachen und den Hallo-Ruf mit eigenen Ohren gehört hatte, waren sich alle einig gewesen, dass es die Wichtelmännchen oder Zwerge seien, die seit Urzeiten in den benachbarten Felsen und Tälern lebten und hier ihr eigenes Jagdvergnügen zum Nachteil der Menschen veranstalteten. Es war nicht das erste Mal, dass die Zwerge hervorgekommen waren und durch ihre Spiele und losen Streiche solchen offenkundigen Schaden an Menschen angerichtet hatten. Alt und auch jünger Leute hatten sie schon häufig gesehen, besonders jene, die zu den nahen Städten zum Jahrmarkt gingen oder andere Geschäfte in der Umgebung hatten. Diese Leute nämlich mussten an gewissen Orten vorbeikommen, meist kleinen grünen Waldtälern, die mit frischem grünem Moos bedeckt waren, umgeben von uralten Bäumen.

Wenn in der Mitte eines solchen Platzes ein einzelner großer Baum stand, dessen weit ausgestreckte Äste eine Art Laubzelt bildeten, war ein solcher Platz der Versammlungsort der Wichtelmännchen, und sie kamen hier in Scharen beim ersten Strahl des Mondes zusammen, der über die Berge stieg, um ihre Tänze aufzuführen. Alte Jäger hatten oft erzählt, dass sie bei der Verfolgung eines Hirsches spät in der Nacht sich einem solchen Platz genähert und die wunderbarsten Spiele der Wichtelmännchen gesehen hatten, und konnten nicht genug von den anmutigen Hochsprüngen, dem lieblichsten Tanz und den pfeilschnellen Wendungen der kleinen Zwerge und Zwergfrauen erzählen. Nur musste ein solcher ungeladener Zuschauer sich so still wie möglich halten und gut versteckt sein, damit das scharfe Auge der Zwerge ihn nicht erspähte, denn sonst hielten diese oft mitten im Tanz inne, verschwanden und eilten durch die Luft davon, wobei sie ein Geräusch machten wie ein starker Schwarm Bienen, der über ein Blumenfeld fliegt.

Manchmal geschah es auch einem solchen Neugierigen, der sich zu unvorsichtig genähert hatte, dass er, wenn die Elfen verschwanden, von unsichtbaren Händen eine solche Anzahl unsichtbarer, aber sehr fühlbarer Ohrfeigen erhielt, dass er betäubt hinfiel und am nächsten Morgen mit braunen und blauen Flecken aufstand.

Lange Zeit hatten die Elfen ihr Geschäft recht weit von den Dörfern entfernt betrieben, aber als die Wälder immer mehr gerodet wurden und besonders die alten starken Bäume gefällt wurden, hatten sie ihre Tanzplätze nahe altem Mauerwerk eingerichtet, das auf felsigem, unfruchtbarem Boden stand und von gierigen Menschen in Ruhe gelassen wurde. Das machte es nun schwerer, ihre nächtlichen Tänze zu beobachten, denn durch die Vertreibung aus ihren einsamen Waldtälern waren sie vorsichtiger geworden und tanzten selten für das menschliche Auge sichtbar, auch wurden sie boshafter durch menschliche Neugier, und es gelang selten mehr einem Sterblichen, sie unbemerkt und ohne geschlagen zu werden zu beobachten. Dadurch war der Glaube an das kleine Volk allmählich verschwunden, und selbst wenn ein neugieriger Bursche am nächsten Morgen blau und grün geschlagen erschien und seine Abenteuer erzählen wollte, die er mit den Wichtelmännchen gehabt hatte, wurde er gewöhnlich ausgelacht und man dachte, der Deckel des Bierkrugs müsse ihm die Nase blutig geschlagen haben.

Aber mit dem Vorfall mit dem Hirten wurden die Leute wieder auf die kleinen Männer aufmerksam und sahen erst, nachdem bedeutender Schaden an den Besitzern der Herden entstanden war, dass man unbedingt den Wichtelmännchen das Feld räumen und sie in ihrer Zuflucht, dem einsamen Mauerwerk, in Ruhe lassen musste. Der Hirte verließ entsprechend seine Hütte und wurde anderswo untergebracht, wo sich bald an seinen Schafherden zeigte, dass die Wichtelmännchen von sehr versöhnlicher und im Grunde auch gutmütiger Natur waren, denn als sie ihren Spiel- und Tummelplatz auf die zuvor beschriebene Weise vom Blöken und Kratzen der Schafe befreit fanden, ließen sie die Herden des Dorfes durch geheime Zaubersprüche oder wer weiß was sonst so gedeihen, dass ihre Besitzer bald für die verlorenen Schafe vollständig entschädigt waren.

Unterdessen stand die Hütte des Hirten leer, und da sie schon vorher nicht in sehr bewohnbarem Zustand gewesen war, verfiel sie immer mehr; die Fenster waren zerbrochen und Sonne, Mond, Regen und Wind machten von allen Seiten Besuche in ihrem Inneren. Trotzdem hatten sich die Wände, die aus Rasenstücken bestanden, ausgezeichnet erhalten, denn sie waren zu einem Ganzen zusammengewachsen. Außerdem war die Hütte von Sträuchern und Kräutern im Überfluss umgeben, sodass sie von weitem wie ein grüner Hügel oder wie ein großes Vogelnest aussah und in Verbindung mit den Wichtelmännchen von den Leuten im Dorf das Wichtelnest genannt wurde, und die Burg auf dem benachbarten Berg die Zwergenburg.

So hatte das kleine Haus lange leer gestanden, bis der Weber, von dem ich oben erzählte, nach langen Wanderjahren in seine Heimat zurückkehrte. Da alle seine nahen Verwandten und Bekannten inzwischen gestorben waren und seine Eltern vor ihrem Tod arm geworden waren, wollten die übrigen entfernten Verwandten sich keineswegs um den armen jungen Mann kümmern und niemand tat auch nur so viel, ihm eine elende Kammer zu vermieten, wo er seinen Webstuhl hätte aufstellen und durch die Arbeit seiner Hände seinen Lebensunterhalt hätte verdienen können. Dieses Verhalten hatte freilich einen anderen Grund, denn des Webers Vater, der Forstwächter gewesen war, hatte die Tochter eines Köhlers geheiratet, die sich sehr auf Heilkräuter verstand und deshalb von den Leuten als Hexe verschrien und gemieden wurde, obwohl sie niemandem etwas zu Leide tat. Ein guter Teil dieses Glaubens war auch auf den Sohn übergegangen, auf den die anderen Frauen des Dorfes schon neidisch und böse waren, als er noch ein Knabe war. Denn während ihre eigenen Kinder elend und krank aussahen, strotzte Conrad, denn so hieß der Sohn des Forstwächters, vor Fülle und Gesundheit und war das schönste Kind, das man sehen konnte. Da seine Eltern glücklicherweise lange genug lebten, bis er seine Lehre beim Meisterweber in der Stadt abgeschlossen hatte und auf die Wanderschaft gehen konnte, brauchte er nicht zu darben und musste nicht für sich selbst sorgen. Aber kaum hatten seine Eltern ihre Freude an seiner fleißig abgeschlossenen Lehre gehabt, kaum hatten sie einige Briefe von ihm aus dem Ausland erhalten, in denen er ihnen schrieb, wie auch dort die Meister mit ihm zufrieden seien, da starben beide schnell nacheinander und hinterließen ihm gar nichts; denn ihre wenigen Haushaltsgegenstände, die sie noch besaßen, wurden von den gierigen Nachbarn für die Kosten der Armenbeerdigung beschlagnahmt.

Endlich kam Conrad, der sich inzwischen in vielen Herren Länder umgesehen hatte, zurück und wollte seinen Webstuhl in seiner Heimat aufstellen; aber wie schon gesagt, niemand wollte etwas von ihm wissen, und hätte die mächtige Liebe, die jeden an seine Heimat bindet, nicht besonders stark in ihm gewesen und ihn davon abgehalten, den Ort zu verlassen, wo seine beiden Eltern begraben lagen, hätte er dem Dorf schon am ersten Tag seiner Rückkehr den Rücken gekehrt und wäre aufs Neue in die Welt hinausgezogen. Aber so lief er geduldig mehrmals hintereinander an den Dorfbewohnern vorbei, um eine Wohnung für sich zu finden, und wurde nicht selten mit harschen Worten von den bösen Leuten abgewiesen. Unter anderem sagte man zu ihm: er habe keinen Platz für ihn, und wenn er unbedingt im Dorf bleiben wolle, solle er zu den Zwergen hinaufgehen, die würden ihm vielleicht gern und für angemessene Miete das Wichtelnest überlassen. Ohne auf diese Spötteleien zu achten, erinnerte sich der Weber plötzlich an die kleine Hütte, in der er als Knabe so oft gespielt hatte und die er mit ihrem grünen Dach und Wänden wie früher am Gefängnisturm gesehen hatte, als er ins Dorf kam, und plötzlich kam ihm der Gedanke, dass es vielleicht nicht so übel sein könnte, dem aus bösem Herzen gegebenen Rat zu folgen.

Eilig machte er sich daher auf den Weg dorthin, öffnete die modrige Tür der Hütte, die ihm zunächst etwas Widerstand leistete, und sah zu seiner großen Freude, dass das Innere des kleinen Hauses zwar sehr verfallen war, aber mit einiger Mühe und Arbeit recht gut wiederhergestellt werden konnte. Sofort begann er, die Holztrümmer, Blätter und den Staub aus dem Inneren zu entfernen, ging dann in die Stadt, holte einige seiner alten Freunde von dort, die von Beruf Zimmerleute, Glaser und Dachdecker waren, und brachte mit ihrer Hilfe das Wichtelnest bald in einen solchen Zustand, dass es ein stattliches Aussehen bekam und er getrost seinen Webstuhl darin aufstellen konnte.

Die bösen Leute im Dorf beobachteten diese Vorbereitungen und Einrichtungen mit nicht geringem Staunen, aber lachten in ihre Fäuste und freuten sich, dass der arme Conrad bald wieder ausziehen würde, wenn einmal die Zwerge Nachricht von seiner Anwesenheit erhalten hätten. Obwohl der Weber selbst oft an die Geschichten dachte, die im Mund der Leute über das Wichtelnest lebten, war er durch seine vielen Wanderungen, auf denen ihm nie etwas Unheimliches widerfahren war, ganz vom Glauben an solche Wesen abgekommen und dachte in der ersten Nacht, die er in seinem kleinen Haus verbrachte, an ganz andere Dinge als an das Erscheinen von Zwergen, die kommen könnten, um ihn in seinem kleinen Besitz zu stören.

Es war eine ganz klare Vollmondnacht und seine Gedanken ließen ihn nicht lange schlafen. Er hörte die Kirchturmsuhr im Dorf schlagen und schließlich verkündeten ihm zwölf Schläge, dass Mitternacht gekommen war. Nun wollte er ernsthaft einschlafen, drehte sich in seinem Bett um und wollte die Augen schließen, als er ein leises Räuspern und Husten im Zimmer hörte. Er riss die Augen weit auf und wer beschreibt sein Erstaunen, als er neben sich ein kleines Männchen sah, das kaum eine Spanne groß war. Es war in einen zimtfarbenen Rock gekleidet, kurze Hosen und schwarze Strümpfe mit Schuhen, an denen silberne Schnallen befestigt waren, die jedoch gegen die ganze Figur so groß erschienen, dass er kaum begreifen konnte, wie das kleine Wesen es fertigbrachte, sie nachzuschleppen.

Zunächst dachte der Weber, er träume, und rieb sich ganz erschrocken die Augen. Er überlegte dies und das, fand aber, dass er vollkommen wach war. Das Männchen ging unterdessen im Zimmer auf und ab, betrachtete die neuen Holztische, sprang mit einem Satz auf die Fenster und klopfte mit einem kleinen Stock, den es in der Hand trug, mit zufriedenem Lächeln an die neuen hellen Fensterscheiben. Auch die Sauberkeit des Bodens und die frischen weißen Wände schienen ihm zu gefallen, denn es wiegte zufrieden sein kleines Köpfchen und gab sein Wohlgefallen durch allerlei murmelnde Laute kund. Der Weber, der all dies mit Verwunderung beobachtet hatte, richtete sich nun aus seinem Bett auf und wollte dem kleinen Mann durch ein merkliches Räuspern und Husten seine Anwesenheit kundtun. Aber dieser ließ sich zunächst gar nicht stören, sondern winkte ihm nur mit der Hand zu, als wolle er ihm sagen: „Gleich, gleich!" und setzte seine Untersuchung fort. Endlich jedoch schien er alles genau besichtigt zu haben, schwang sich mit einem Satz auf den Tisch, der neben dem Bett des Webers stand, und setzte sich dort auf einen großen Laib Schwarzbrot, von dem er von Zeit zu Zeit einen kleinen Krümel in den Mund steckte. Nachdem sowohl der Weber als auch das Wichtelmännchen sich eine Weile schweigend angeschaut hatten, sagte das Männchen mit feiner, krähender Stimme, während es von seinem Sitz aus noch einmal den Blick im Zimmer schweifen ließ: „Wir sind sehr erfreut, mein lieber Freund, einen Mieter erhalten zu haben, der unsere Sachen in so ordentlichen Zustand gebracht hat; wenn Ihr auch sonst die Bedingungen erfüllt, die wir als die Eigentümer dieses Hauses mit Recht von Euch zu unserer Zufriedenheit verlangen können, dann werden wir hoffentlich sehr gut miteinander auskommen."

Der Weber, der nicht daran gedacht hatte, hier im früher so verfallenen Wichtelnest Miete zu zahlen, hörte aufmerksam zu, war aber zu klug, es sich mit diesen gefürchteten Wesen zu verderben, und erkundigte sich bescheiden nach den Bedingungen seines neuen seltsamen Vermieters. Der Zwerg erzählte ihm mit kurzen Worten die Geschichte des Hirten, dessen unvernünftige Herde sein ganzes Volk aufs Schwerste bedrückt und belästigt hatte, und fügte hinzu, dass das Zwergenvolk, indem es den Hirten aus diesem Haus vertrieb, keine Bosheit gegen das Menschengeschlecht habe ausüben wollen, sondern es sei nur darum gegangen, Ruhe zu bekommen. Conrad, der sich durch die freundliche Anrede des kleinen Mannes und durch den gutmütigen Ausdruck auf seinem Gesicht von seiner anfänglichen Bestürzung erholt hatte, sagte zu ihm, wie sehr es ihn freue, unerwartet eine so vornehme Bekanntschaft zu machen, und er hoffe, die Mietbedingungen würden so festgesetzt, dass er ihnen zustimmen könne; freilich Geld oder Geldeswert, Silber oder Gold sei bei ihm nicht zu finden.

Der Zwerg brach ein beträchtliches Stück Brot ab und erwiderte ihm lächelnd: „Die nutzlosen Gegenstände, die Ihr uns nennt, sind nicht das, was uns gefällt oder nützt. Mit Gold und Edelsteinen sind wir hinreichend versehen und daher in Euren Augen ein reiches Volk. Aber uns fehlen viele Dinge, die wir nur durch die Hilfe guter und fleißiger Menschen erwerben können. Wir haben Euch seit Eurer Kindheit nicht aus den Augen verloren und mit Wohlgefallen gesehen, dass Euer Herz frei geblieben ist von Falsch und Bosheit, und das ist ein Grund, warum wir uns nicht gegen Eure Inbesitznahme unseres Eigentums, des kleinen Hauses hier, gewehrt haben. Wir Zwerge wissen auch menschliche Tugenden zu schätzen und halten uns lieber bei frommen und fleißigen Menschen auf als bei jenen, denen diese Eigenschaften fehlen, wozu übrigens auch der Hirte gehörte, der vorher hier wohnte. Bleibt daher fleißig, wie Ihr es bis jetzt gewesen seid, arbeitet still für Euch und es soll Euch nicht an unserer Anerkennung und unserer Hilfe fehlen. Aber nun hört unsere Mietbedingungen, die darin bestehen, dass Ihr uns einmal im Monat in einer Nacht, wenn der Mond voll ist, Euer Gerät und sogar Euren Webstuhl zu unserem Gebrauch überlasst. Seid nicht neugierig in solchen Stunden, sondern zieht Euch in Eure Kammer zurück und wir werden schon dafür sorgen, dass Euch dann ein tiefer Schlaf befällt, der Euch hindert, das Geräusch unserer Arbeit zu hören."

Bei den letzten Worten wurde das Gesicht des Zwerges ernster und er schloss seine Rede, indem er sagte: „Merkt Euch wohl, dass Ihr nicht neugierig sein sollt, unsere Arbeit zu beobachten, und merkt Euch dabei auch, dass wir nur so lange, wie Euer Herz frei ist von den gewöhnlichen Lastern der Menschen, imstande sind, Euch in solchen Stunden in den Schlaf zu versetzen, dass es aber nicht in unserer Macht steht, Gedanken an böse Taten, die Ihr begangen habt, zu entfernen oder Euch von Gewissensbissen zu befreien."

Der Weber hatte all dies still angehört und, sich freuend, so billige Mietbedingungen erhalten zu haben, drückte er glücklich die dargebotene Hand des Zwerges mit dem Versprechen, seinen Teil beitragen zu wollen, damit die Arbeit der Zwerge niemals gestört werde.

Nach diesem geschlossenen Bündnis sprang das Männchen vom Brot herunter, lächelte den jungen Mann noch einmal freundlich an und verschwand. Der Weber legte sich auf seine andere Seite und schlief bis zum hellen Morgen.

Am nächsten Tag war sein erster Gang in die Stadt, um dort Arbeit zu suchen, und es war schon, als begleite ihn ein guter Geist; denn gleich beim ersten Kaufmann, wo er nachfragte, wurde er gut aufgenommen, und nachdem der Werkmeister ihn ordentlich geprüft und dabei gesehen hatte, dass der junge Mann tatsächlich im Weben wohl bewandert war, ließ er seinen Namen in das große Buch eintragen, wog Seide und Baumwolle für ihn ab, die er mitnehmen durfte, um einen schönen Stoff daraus zu machen. Zu Hause angekommen, machte sich der Weber sofort mit allem Fleiß an die Arbeit und nie zuvor war ihm die Arbeit so schnell von den Händen gegangen, dass er sich selbst darüber wundern musste. All die kleinen Unfälle, die sonst dem geschicktesten Meister zustoßen, geschahen bei ihm sehr selten; die Fäden in der Kette rissen selten, und die vielen Schnüre an seinem Webstuhl verwirrten sich nie miteinander. Wenn er an seinem Spulrad saß, um die Seide auf die kleinen Rollen zu wickeln, die dann in das Weberschiffchen gelegt werden, musste er oft über die blitzschnelle Geschwindigkeit staunen, mit der das Rad herumlief und dass sich der Faden nie verwirrte, sondern immer glatt auf der Spule lag, als wäre er mit größter Langsamkeit und Sorgfalt gewickelt worden. Andere Weber mussten zu diesem Zweck ein paar kleine Jungen halten, aber er verrichtete diese Aufgabe allein in der Abenddämmerung und hatte in kurzer Zeit genug solcher Spulen für den ganzen folgenden Tag bereit.

Als der Mond abends wieder sichtbar wurde und die weiße Sichel so stand, dass man mit der linken Hand hineingreifen konnte, dann nahm der Mond zu und es näherte sich die Nacht, in der Conrad den Zwergen die Miete zahlen musste, indem er ihnen seinen Webstuhl überließ. In diesen Zeiten gelang es ihm immer, es so einzurichten, dass seine Arbeit für den Kaufmann in der Stadt fertig war, und er bemühte sich dann, den leeren Webstuhl in feinste Ordnung zu bringen, damit die kleinen Männer keinen Grund hätten, sich über ihn zu beklagen.

In der Nacht, wenn der Mond voll wurde, lag er in seinem Fenster und schaute hinaus in die Landschaft, wo die blauen Nebel so langsam aufstiegen, hörte, wie die Grillen im Gras sangen, und beobachtete all dies zufrieden, bis der Himmel in der Gegend der Zwergenburg immer heller und heller wurde und der Mond langsam aufging. Dann ging er zu seinem Bett und da keine bösen Gedanken ihn plagten, schlief er bald ein. Manchmal glaubte er beim Einschlafen ein seltsames Summen und Geschäftigsein zu hören, aber da er von Natur nicht neugierig war, kümmerte er sich nicht darum und fiel bald in tiefen Schlaf. Als er zum ersten Mal nach einer solchen Nacht am nächsten Morgen aufstand und zu seinem Webstuhl ging, sah er deutlich, dass die Zwerge in der Nacht gearbeitet hatten, denn hier und da zwischen den Schnüren und am Holz hing eine kleine Flocke Seide von wunderbarer Farbe und ein Goldfaden glänzte ihm vom Boden entgegen. Am Weberbaum, auf dem die fertigen Stoffe aufgerollt werden, bemerkte er einen schmalen Streifen Stoff, den die Zwerge beim Abschneiden hatten hängen lassen, von so wunderbar schönem Muster und Farbe, wie er nie zuvor etwas Ähnliches gesehen hatte. Er nahm ihn herunter, untersuchte ihn sorgfältig, und als er das nächste Mal in die Stadt kam, erbat er vom Werkmeister des Kaufmanns Seide in ähnlichen Farben und machte sich dann zu Hause daran, die Arbeit der Zwerge nachzuahmen. Auch wenn dies nicht vollkommen gelang, brachte er doch einen so schönen Stoff hervor, wie der Werkmeister noch nie gesehen hatte und der ihm mit gutem Geld bezahlt wurde.

Durch diese letzte Arbeit wurden die Leute in der Fabrik des Kaufmanns auf den jungen Weber aufmerksamer und die Herren und Werkmeister, die ihn zwar schon vorher als fleißigen Arbeiter betrachtet, aber ihm keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt hatten, beschäftigten sich mit ihm, um herauszufinden, ob das schöne Muster des Stoffes wirklich von ihm stammte und ihn dann recht zu ihrem Vorteil zu verwenden, und der arme Weber, der, wie wir früher hörten, seit seiner Kindheit nie recht beachtet, geschweige denn ausgezeichnet worden war, fühlte sich durch das Verhalten des Werkmeisters und der jungen Kaufleute außerordentlich geschmeichelt. Diese nahmen ihn abends mit zu ihren Gesellschaften, und wenn er sich auch anfangs in diesen Kreisen nicht heimisch fühlte, wo viel Bier und Wein getrunken wurde und wo sich das Gespräch nicht gerade um die saubersten Themen drehte, was hauptsächlich dadurch verstärkt wurde, dass sein schlichtes Wams neben diesen geschniegelten und gestriegelten, geschnürten und frisierten Merkur-Jüngern ziemlich auffiel, so lösten doch die Weindünste und die kunstvolle Arbeit des geschickten Webers diese Unterschiede von Stand und Kleidung leicht auf.

Bis jetzt hatte Conrad mit dem, was er durch seine Arbeit verdiente, sehr gut leben können, ohne sich dabei zu sehr anstrengen zu müssen. Aber da bei diesen nächtlichen Festen und Zechgelagen in der Stadt sein Geld unbegreiflich schnell verschwand, sah er sich bald gezwungen, zu den Stunden, die er vorher morgens und abends gearbeitet hatte, noch einige hinzuzufügen, um seinen Verdienst zu erhöhen und das nötige Geld für die abendlichen Unterhaltungen zu beschaffen.

Manchmal, wenn er so spät in der Nacht nach Hause kam, fiel ihm wohl ein, dass er in seinem jetzigen Leben nicht ganz auf dem rechten Wege war, und wenn er dann durch die Ruinen der Zwergenburg hinab zu seiner Wohnung stieg, schien es ihm manchmal, als sähe er sein kleines Hauswirtchen dort unten auf einem Stein sitzen und ganz traurig den Kopf über ihn schütteln. Aber er redete sich leicht ein, dass er nicht richtig gesehen habe und wolle nicht begreifen in seinem Herzen, warum der Zwerg nicht zufrieden mit ihm sein könnte; denn so oft der Mond sich füllte, fuhr er fort, seinen Webstuhl wie zuvor in Ordnung zu bringen und hatte nie gewagt, eine solche Nacht außer Haus zu verbringen, was jedoch hauptsächlich wohl daher kam, dass er begierig war, am nächsten Morgen den schmalen Stoffstreifen vom Weberbaum zu nehmen, den die Zwerge regelmäßig übrig ließen und nach dem er die kunstvollen Arbeiten machte, die den Werkmeister in der Stadt und die Herren so sehr in Bewunderung versetzten.

Doch einmal mochte er entweder mit seinem Kalender nicht in Ordnung gewesen sein oder gedacht haben, die Elfen könnten auch ohne ihn fertig werden, genug, am Abend vor einer Vollmondnacht schnitt er seine fertige Arbeit vom Webstuhl und brachte sie in die Stadt, wo sie sofort in Empfang genommen wurde und seine Bekannten ihn nicht gehen ließen, bis der Mond hoch am Himmel stand.

Auf dem Heimweg fiel ihm doch etwas bänglich aufs Herz, dass er seinen Hauswirt vernachlässigt hatte, indem er den Webstuhl nicht ordentlich in Ordnung gebracht und die Nacht außer Haus geblieben war. Wenn auch unter diesen Betrachtungen der Gedanke aufkam, schnell nach Hause zu eilen, um die Zwerge bei ihrer vollen Arbeit zu sehen, so hatte er doch zu viel Furcht vor den kleinen Wesen und zu viel Scheu vor seinem gegebenen Wort, sie nicht auszuspähen; war überhaupt noch nicht verderbt genug, um seine Versprechen so in den Wind zu schlagen. Da es gerade Sommer war zu dieser Zeit, verbrachte er den Rest der lauwarmen Nacht unter einer alten Tanne, wo er sich im Moos ausstreckte und bald einschlief.

Häufig gestellte Fragen

Wer war Friedrich Wilhelm Hackländer, und warum sind seine Märchen heute noch wichtig? A: Hackländer (1816–1877) war ein beliebter deutscher Autor des 19. Jahrhunderts, bekannt für klare, humane Prosa. Seine Märchen (1843) verbinden Volksmotive mit sozialem Empfinden – Geschichten, die unterhalten und gleichzeitig still über Charakter, Gemeinschaft und Gewissen reflektieren.

Was enthält die englische Übersetzung von Hackländers Märchen von 2025? A: Die neue Übersetzung von Rade Kolbas präsentiert Hackländers Sammlung von 1843 in zeitgenössischem Englisch und stellt Material wieder her, das lange im Englischen fehlte, einschließlich des zuvor nicht übersetzten „Das Weihnachtsmärchen".

Was ist „Das Wichtelnest" in Hackländers Märchen, und worum geht es? A: „Das Wichtelnest" folgt Conrad, einem Weber, der sich bei einer Ruine niederlässt, die von Zwergen heimgesucht wird. Er schließt einen Pakt, der Fleiß belohnt, aber Neugier verbietet – eine elegante Parabel über Arbeit, Versprechen-Halten und die moralischen Kosten der Eitelkeit.

Wie vergleicht sich Hackländers Erzählkunst mit modernen Fantasy-Autoren wie Neil Gaiman? A: Wie Gaiman verbindet Hackländer Verzauberung mit dem Alltag. Die Magie zählt, aber auch die kleinen menschlichen Entscheidungen. Leser, die Fabeln mit moralischen Untertönen und einem sanften, unheimlichen Schimmer genießen, werden sich hier zu Hause fühlen.

Wo kann ich Märchen von Friedrich Wilhelm Hackländer auf Englisch kaufen? A: Sie finden die Übersetzung auf Amazon hier: Fairy Tales (englische Übersetzung).

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