Kompendium · Gott / Erneuerung und Jahreszeiten

Xipe Totec

Xipe Totec, Unser Herr der Geschundene, ist der aztekische Gott der landwirtschaftlichen Erneuerung, des Frühlings und des Wechsels der Jahreszeiten. Während des Festes Tlacaxipehualiztli trugen Priester zwanzig Tage lang die abgezogenen Häute von Opfernden. Die Haut stand für die neue grüne Hülle der Erde nach dem Winter. Er herrschte über Augenkrankheiten und Hautleiden und gehörte zu den vier Schöpfergöttern des gegenwärtigen Weltzeitalters.

Xipe Totec
Typ
Gott / Erneuerung und Jahreszeiten
Herkunft
Mexica / Azteken
Zeitraum
ca. 1300–1521 n. Chr.

Schon der Name sagt, was er ist: Unser Herr der Geschundene. Die Priester, die ihn verehrten, trugen zwanzig Tage lang die abgezogenen Häute von Opfernden über dem eigenen Körper; die Haut vergilbte und versteifte sich beim Trocknen, die Hände des Opfers noch immer daran, lose an den Handgelenken herabhängend. Die Praxis war zur Wirklichkeit gewordene Agrarmetapher.

Die Erde streift ihre trockene Winterhaut ab, damit der Frühling wachsen kann. Der Priester im Inneren der Haut war das neue Leben, das durch die tote Hülle drängte. Über diesen Übergang herrschte Xipe Totec.

Das Fest Tlacaxipehualiztli

Der zweite Monat des aztekischen Sonnenkalenders, Tlacaxipehualiztli, gehörte ganz Xipe Totec. Der Florentiner Kodex (Buch II) und Duráns Historia beschreiben das Fest beide mit beträchtlicher Ausführlichkeit.

Das Fest hatte zwei zentrale Bestandteile.

Im ersten wurden im Krieg gefangene Menschen nach der üblichen aztekischen Methode geopfert: Die Brust wurde auf dem Tempelgipfel geöffnet und das Herz herausgenommen; anschließend zog man die Haut unversehrt ab und verteilte sie an Priester und Verehrer. Die Hautträger zogen dann zwanzig Tage lang durch die Stadt. Sie besuchten Häuser und erhielten von den Bewohnern Nahrung und Geschenke. Ihre Rolle war teils religiös, teils praktisch: Sie segneten die Haushalte, die sie betraten, und die Haushalte versorgten sie im Gegenzug für diesen Segen. Im Lauf der zwanzig Tage wurden die Häute steif und begannen sich zu zersetzen. Am Ende der Frist faltete man sie sorgfältig zusammen und legte sie in steinerne Kästen, die tlaques genannt wurden; dort wurden sie versiegelt und als Opfergaben niedergelegt.

Der zweite Bestandteil war das Gladiatorenopfer: Ein ausgewählter Gefangener wurde mit einem Seil an einen großen runden Stein gebunden und erhielt Keulen, die dort mit Federn versehen waren, wo sich normalerweise Obsidianklingen befanden. Vier Krieger kämpften nacheinander gegen ihn, jeder voll bewaffnet: zwei Adlerritter, dann zwei Jaguarkrieger. Überlebte der Gefangene alle vier, kam er frei. Fiel er, wurde er auf dem Stein geopfert. Der Florentiner Kodex beschreibt dieses Opfer als eine Ehre, vorbehalten den wertvollsten Gefangenen. Der bei dieser Zeremonie verwendete Stein, der temalacatl, ist archäologisch nachgewiesen.

Wusstest du?

Eine große Steinskulptur Xipe Totecs, eine sitzende Figur in einer abgezogenen Haut, wobei das Gesicht des Opfers als zweites Gesicht über dem eigenen des Gottes sichtbar ist, wurde in Tenochtitlan gefunden und befindet sich heute im Museo Nacional de Antropología in Mexiko-Stadt. Die Skulptur zeigt das Doppeltgesicht deutlich: zwei Augenpaare, die Lippen der äußeren Haut leicht geöffnet, sodass das lebendige Gesicht darunter sichtbar wird. Die Detailgenauigkeit der Steinmetzarbeit macht klar, dass die abgezogene Haut als Gewand gedacht ist und nicht als Verwandlung.

Die Logik des Abschälens

Xipe Totecs landwirtschaftliche Bedeutung ist in den Quellen in den Quellen einheitlich.

Der Florentiner Kodex (Buch I) beschreibt ihn als den Gott der Wende des Jahres, des Abwerfens der alten Jahreszeit und des ersten Erscheinens des Frühlingsgrüns. Maiskörner verlieren vor dem Keimen ihre äußere Hülle: Die alte Haut fällt ab, und neues Wachstum drängt hindurch. Eine Schlange häutet sich, um zu wachsen. Die trockene Oberfläche der Erde reißt im Spätwinter auf, und neue Triebe drücken durch die Risse. All diese Vorgänge gehörten in Xipe Totecs Bereich.

Seine Farbe war Gelbgold, die Farbe getrockneter Maishüllen und neuer Triebe. Sein kennzeichnendes Gewand, die über dem Körper getragene abgezogene Haut, erscheint in den Kodizes gelbgolden, während sie trocknet. Dieses Erscheinungsbild aus zwei Häuten, mit den lose herabhängenden Händen des Opfers und dem Doppeltgesicht, das sowohl die äußere tote Haut als auch das lebendige Gesicht darunter zeigt, begegnet durchgehend im Codex Borgia, im Codex Borbonicus und in der Steinskulptur.

Er herrschte außerdem über Augenkrankheiten, Hautleiden und Ausschläge. Dieselbe Logik galt auch hier: Die kranke äußere Hautschicht verbarg die gesunde Haut, die darunter hervortreten konnte. Verehrer, die sich von Hautkrankheiten erholten, brachten seinen Schreinen Opfergaben.

Wusstest du?

Die Yopi, ein Volk aus dem Küstengebiet von Guerrero im heutigen Südmexiko, verehrten Xipe Totec als ihre besondere Schutzgottheit. Innerhalb des Bezirks des Templo Mayor in Tenochtitlan besaßen sie einen eigenen umschlossenen Bereich, der ausschließlich seiner Verehrung vorbehalten war. Sahagúns Gewährsleute beschrieben die Yopi als die ursprünglichen Verehrer Xipe Totecs, was darauf hindeutet, dass sein Kult älter war als die aztekische Übernahme und als regionale Tradition nach Tenochtitlan kam, wo die Azteken ihn in ihre Staatsreligion eingliederten.

Einer der vier Schöpfer

Die Historia de los Mexicanos por sus Pinturas, um 1535 aus indigenen Bildquellen zusammengestellt, nennt vier Götter, die das gegenwärtige Weltzeitalter erschufen: Tezcatlipoca, Quetzalcoatl, Huitzilopochtli und Xipe Totec. In manchen Berichten entsprechen die vier lose vier Himmelsrichtungen und vier Farben, auch wenn die aztekischen Quellen in der genauen Zuordnung nicht einheitlich sind.

Xipe Totecs Rolle in den Schöpfungsberichten ist in den erhaltenen Quellen weniger ausführlich beschrieben als die von Tezcatlipoca oder Quetzalcoatl. Seine Anwesenheit in dieser Gründungsgruppe stellt ihn dennoch unter die wichtigsten Kräfte der aztekischen Kosmologie, selbst wenn seine konkreten schöpferischen Taten nicht so vollständig überliefert sind. Sein Bereich, die jahreszeitliche Erneuerung der Haut der Erde, passt zur Logik des Anfangs: Schöpfung verlangt das Abstreifen dessen, was zuvor war.

Weiterführende Lektüre

  • Tezcatlipoca — Mit-Schöpfergott, der rauchende Spiegel, der neben Xipe Totecs Zyklen der Erneuerung über Nacht und Konflikt herrschte
  • Quetzalcoatl — die gefiederte Schlange, ein weiterer der vier Gründungsgötter
  • Huitzilopochtli — Kriegsgott, der mit Xipe Totec zur Gründungsgruppe gehörte und dessen Opferkult am Templo Mayor neben Xipe Totecs Hautfesten bestand
  • Coatlicue — Erdmutter, deren Körper ebenso wie Xipe Totecs abgestreifte Haut das Material war, aus dem neues Leben hervorging

Quellen

  • Florentiner Kodex (Historia general de las cosas de Nueva España), Fray Bernardino de Sahagún, ca. 1577 — Buch II: das Fest Tlacaxipehualiztli im Detail; Buch I: Xipe Totecs Attribute und Zuständigkeitsbereich
  • Historia de las Indias de Nueva España, Fray Diego Durán, ca. 1581 — das Gladiatorenopfer und die Zeremonie des Hauttragens
  • Codex Borgia (präkolumbisch, Vatikanische Apostolische Bibliothek) — wichtigste ikonografische Quelle
  • Historia de los Mexicanos por sus Pinturas (ca. 1535) — die vier Schöpfergötter
  • Codex Borbonicus — Darstellungen des Ritualkalenders für Tlacaxipehualiztli
Primärquellen
  • Florentiner Kodex (Historia general de las cosas de Nueva España), Fray Bernardino de Sahagún, ca. 1577 — Buch II: das Fest Tlacaxipehualiztli im Detail; Buch I: Xipe Totecs Attribute und Zuständigkeitsbereich
  • Historia de las Indias de Nueva España, Fray Diego Durán, ca. 1581 — das Gladiatorenopfer und die Zeremonie des Hauttragens
  • Codex Borgia (präkolumbisch, Vatikanische Apostolische Bibliothek) — wichtigste ikonografische Quelle
  • Historia de los Mexicanos por sus Pinturas (ca. 1535) — die vier Schöpfergötter
  • Codex Borbonicus — Darstellungen des Ritualkalenders für Tlacaxipehualiztli
Verwandte Wesen
Mystery God
Cosmic Principle

Häufige Fragen

Was bedeutet Xipe Totec?
Xipe Totec ist Nahuatl und bedeutet „Unser Herr der Geschundene“. Xi- ist ein ehrerbietiges Präfix; pe kommt von xipehua, „häuten“ oder „abschälen“; Totec bedeutet „Unser Herr“. Der Name beschreibt sowohl das Aussehen des Gottes (er trägt eine abgezogene Haut über seinem Körper) als auch seine landwirtschaftliche Funktion: das Abstreifen des Alten, um das neue Leben darunter freizulegen.
Warum trugen Priester abgezogene Häute?
Das Tragen der Haut hatte in der aztekischen Theologie eine landwirtschaftliche Bedeutung. Die trockene Erde des Winters war die alte Haut; das grüne Wachstum des Frühlings war die neue Haut, die darunter hervortrat. Indem der Priester die abgezogene Haut eines Opfers trug, verkörperte er die Erde im Übergang: die tote Hülle außen noch vorhanden, das neue Leben im Inneren bereits im Entstehen. Der Florentiner Kodex beschreibt, dass die Priester die Häute zwanzig Tage lang trugen, bis sie steif wurden und sich zu zersetzen begannen; dann wurden sie zusammengefaltet und in einer steinernen Kiste niedergelegt, die tlacaxipehualiztli genannt wurde.
Was war das Fest Tlacaxipehualiztli?
Tlacaxipehualiztli war der zweite Monat des aztekischen Sonnenkalenders und vollständig Xipe Totec gewidmet. Es umfasste zwei Arten von Opfern. Im ersten Fall wurden Gefangene gehäutet, und ihre Häute an Priester und Verehrer verteilt. Im zweiten, dem Gladiatorenopfer, wurde ein Gefangener an einen großen Stein gebunden und erhielt Scheinwaffen (mit Federn besetzte Keulen oder Keulen, die statt Obsidian mit Federn versehen waren), um nacheinander gegen vier voll bewaffnete Jaguar- und Adlerkrieger zu kämpfen. Überlebte er alle vier, wurde er freigelassen. Wenn nicht, wurde er auf dem Stein geopfert. Der Florentiner Kodex beschreibt dies als den ehrenvollsten Tod, der einem Gefangenen offenstand.
Über welche Krankheiten herrschte Xipe Totec?
Xipe Totec herrschte über Augenkrankheiten, Hautleiden, Schorf und Ausschläge. Die Logik ergab sich aus seinem Zuständigkeitsbereich: Haut war sein Material. Er konnte Hautkrankheiten sowohl verursachen als auch heilen. Von Verehrern, die sich von Hautkrankheiten erholten, wurde erwartet, dass sie ihm Opfergaben darbrachten. Der Florentiner Kodex beschreibt bestimmte Votivrituale für Heilungssuchende, darunter das Tragen einer kleinen Nachbildung einer abgezogenen Haut als Anhänger.
Woher stammt Xipe Totec?
Xipe Totec scheint außerhalb des zentralmexikanischen Hochlands entstanden zu sein. Frühe Darstellungen der Gottheit erscheinen in der zapotekischen Kultur Oaxacas und in Westmexiko und gehen der aztekischen Vorherrschaft voraus. Der Florentiner Kodex vermerkt, dass die Yopi, ein Volk aus dem Küstengebiet von Guerrero, sich als seine besonderen Verehrer betrachteten und einen eigenen Bereich im Bezirk des Templo Mayor hatten, der seinem Kult vorbehalten war. Die Azteken scheinen also eine bereits uralte Gottheit mit tiefen Wurzeln im südlichen und westlichen Mesoamerika übernommen zu haben.
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