Kompendium · Abtei / Alchemiestätte / UNESCO-Bibliothek

Stiftsbezirk St. Gallen

Die Schweizer Abtei, in deren Stadt der Alchemist Schobinger 1530 einen Vorläufer des Kunststoffs erfand und wo eine nackte Prophetin einen Gottesdienst störte. UNESCO-Welterbe mit einer der ältesten Bibliotheken Europas.

Stiftsbezirk St. Gallen
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Die Abtei von Saint Gall steht in der Stadt St. Gallen im Nordosten der Schweiz. Gegründet wurde sie 612 vom irischen Mönch Gallus und entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Benediktinerklöster des mittelalterlichen Europas. Ihre Bibliothek, eine der ältesten der Welt, bewahrt Handschriften aus dem achten Jahrhundert.

Schobingers Experiment

1530 führte ein örtlicher Handwerker namens Bartholomäus Schobinger in der Stiftsstadt Experimente mit Tierhorn und Hitze durch. Durch kontrollierte Temperaturen schuf er ein durchscheinendes, formbares Material, das beim Abkühlen aushärtete. Der Stoff nahm vorweg, was man im neunzehnten Jahrhundert Kunststoff nennen würde. Niemand verfolgte die Entdeckung weiter. Das Material sollte erst dreihundert Jahre später neu erfunden werden.

Die nackte Prophetin

Die Chroniken der Abtei berichten von einem Vorfall, bei dem eine Frau während eines Gottesdienstes die Kirche betrat, sich nackt auszog und zu prophezeien begann. Die Mönche hielten das Ereignis mit der Genauigkeit von Männern fest, die alles dokumentierten. Die Identität der Frau und der Inhalt ihrer Prophezeiung unterscheiden sich je nach Überlieferung, doch die Störung selbst ist durchgehend bezeugt.

Die Bibliothek

Die Stiftsbibliothek gehört zum UNESCO-Welterbe. Der Rokokosaal aus dem achtzehnten Jahrhundert beherbergt über 170.000 Bände und 2.100 Handschriften. Zu den ältesten Stücken zählen eine lateinische Grammatik aus dem achten Jahrhundert und frühmittelalterliche Abschriften klassischer Texte, die sonst nirgends überlebt haben. Die Bibliothek ist seit über tausend Jahren ohne Unterbrechung in Betrieb.

Dass es überhaupt erhalten blieb, verdankt es zum Teil Wiborada von St. Gallen, einer Klausnerin, die in einer Zelle neben der nahegelegenen Kirche St. Magnus eingemauert lebte und viele Handschriften der Abtei von Hand gebunden hatte. Ihre Lebensbeschreibungen berichten, dass sie den Überfall der magyarischen Reiter vorhersah und die Mönche warnte, die Bücher hinauf in die Höhlen der Hügel zu bringen. Die Mönche entkamen mit der Bibliothek; sie selbst wollte ihre Zelle nicht verlassen, und im Jahr 926 brachen die Angreifer durch das Dach und töteten sie beim Gebet. Im Jahr 1047 wurde sie als erste Frau überhaupt von einem Papst offiziell heiliggesprochen, und sie ist die Schutzpatronin der Bibliotheken.

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