Bestiarium · Paar büßender Wiedergänger
Steinträger und Kerzenträger
Steinträger und Kerzenträger: ein slawonisches Paar büßender Wiedergänger, deren Jenseits exakt ihre Sünde im Leben spiegelt. Der Grenzsteinverschieber läuft mit einer Kerze für immer seine falsche Grundstücksgrenze ab. Der Imker, der die geweihte Hostie seinen Bienen gab, wandelt kopflos mit einer brennenden Kerze in der Hand.
Primärquellen
- Friedrich S. Krauss, Slavische Volksforschungen (Wilhelm Heims, Leipzig, 1908)
- Imro Koprivčević aus Pleternica, professioneller Geisterbanner (geisterbanner), über Krauss’ Mutter interviewt (1886 bis 1888)
Schutzmaßnahmen
- Für den Steinträger: Rückversetzung der unrechtmäßig verschobenen Grenzsteine an ihren ursprünglichen Ort
- Für den Kerzenträger: Austreibung durch einen Geisterbanner, geschult in der Koprivčević-*zaklinjat*-Tradition
- Rückkehr ins Grab bei Tageslicht: Beide gehen nur zwischen Sonnenuntergang und Morgengrauen um
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Der professionelle Geisterbanner Imro Koprivčević aus Pleternica ernährte bereits seine ganze Familie von den Honoraren für Austreibungen, als Friedrich Krauss ihn in den späten 1880er Jahren befragte. Sein früheres Handwerk, das Flicken von opanci, hatte er aufgegeben. Seine zwei besten Kunden waren die beiden Arten ruheloser Toter, die nachts über die Felder und Gehöfte von Pleternica zogen. Der eine trug Grenzsteine. Der andere trug brennende Kerzen, hatte aber keinen Kopf.
Erscheinung
Beide Arten von Wiedergängern erscheinen nachts in den slawonischen Dörfern rund um Pleternica.
Der Steinträger ist die Gestalt eines männlichen Bauern, oft als ein ganz bestimmter verstorbener Mann aus dem Dorf erkennbar. Unter einem Arm trägt er einen einzelnen Grenzstein, in der anderen Hand eine Kerze. Mit langsamen, bedächtigen Schritten geht er die umstrittene Grundstücksgrenze ab. Er spricht nie.
Der Kerzenträger ist ebenfalls eine männliche Bauerngestalt, aber kopflos. Der Körper trägt die Kleidung, in der der Mann begraben wurde. Der Hals endet oberhalb der Schultern glatt verschlossen. In einer Hand hält die Gestalt eine einzelne hohe Kerze, brennend, die Flamme unbewegt, gleichgültig wie stark der Wind geht. Die Kerze brennt niemals herunter.
Ursprünge
Die beiden Wesen folgen derselben inneren Logik: Jeder hat sich sein Jenseits durch eine ganz bestimmte Sünde im Leben verdient, und jeder trägt das Werkzeug dieser Sünde für immer als Buße mit sich.
Der Steinträger war zu Lebzeiten ein Grenzmarksteinverrücker. Er verschob die Grenzsteine zwischen seinem Land und dem seines Nachbarn, um seinen Besitz zu vergrößern. Das Land war die Lebensgrundlage seiner Familie. Die Steine waren die einzige Dokumentation darüber, wem was gehörte. Indem er sie nachts versetzte, wenn niemand hinsah, stahl er seinem Nachbarn etwas, das das Gesetz nur schwer zurückholen konnte. Nach seinem Tod findet seine Seele keine Ruhe. Er muss jede Nacht die falsch verschobene Grenze abgehen, bis jemand die Steine an ihren ursprünglichen Platz zurücksetzt.
Der Kerzenträger war ein Imker. Die Imkerei war auf dem südslawischen Land ein anspruchsvolles Handwerk, und die Stöcke eines erfolgreichen Imkers mussten im Frühjahr gut schwärmen, sonst war der Honigertrag des Jahres verloren. Es gab einen Volksbrauch, von der Kirche verurteilt, aber offenbar so verbreitet, dass Krauss ihn festhielt. Der Imker ging an Allerheiligen zur Kommunion, behielt die geweihte Hostie im Mund, statt sie zu schlucken, kehrte nach Hause zurück und verfütterte die Hostie an seine Bienen. Dann, so glaubte man, schwärmten die Bienen mit außergewöhnlicher Kraft. Der Imker bekam seinen Honig. Zugleich hatte er den Leib Christi entweiht.
Nach dem Tod passte die Strafe genau zur Tat. Die Hostie gehörte in seinen Kopf und in seinen Mund. Er hatte sie durch die falsche Öffnung hinausgelassen. Nach dem Tod geht er ohne Kopf umher und trägt die falsche Kerze der geweihten Hostie, die er niemals aus seinem Körper hätte entfernen dürfen.
Der Fall Bilač
Krauss hielt einen konkreten Fall eines Kerzenträgers fest, den Koprivčević löste. Ein Mann in Bilač bei Ruševo hatte einer Stute eine geweihte Hostie gegeben. Nach seinem Tod kehrte er zurück, um die Stute im Stall zu striegeln. Die Hausbewohner hörten ihn und sahen ihm bei der Arbeit zu. Dann stieg er auf den Dachboden und begann, die Rauchabzugsziegel zu lockern. Die Familie schickte nach Koprivčević.
Die folgende Austreibung war handfest. Spindeln flogen auf die Krippen, und den Zuschauern wurden die Mützen vom Kopf gerissen, sodass das Haus in Unordnung zurückblieb. Koprivčević begann zu zaklinjat, also den Geist mit Worten zu binden, und das Gespenst fuhr zur Tür hinaus. Danach senkte sich das Grab des Mannes, und die Heimsuchungen hörten auf.
Krauss vermerkte, dass Koprivčevićs zaklinjat-Formel nur ihm eigen war und nicht mit anderen professionellen Geisterbannern geteilt wurde. Das Berufsgeheimnis wurde innerhalb der Familie Koprivčević weitergegeben.
Verhalten
Sowohl Steinträger als auch Kerzenträger gehen nur nachts um. Bei Tageslicht kehren sie in ihre Gräber zurück. Sie greifen die Lebenden nicht an, aber ihre Erscheinung an der Grundstücksgrenze oder in der Nähe des Hauses versetzt die Familien, die sie sehen, in Schrecken.
Das Verhalten des Steinträgers ist streng wiederholend. Jede Nacht derselbe Weg. Der Grenzstein bewegt sich mit ihm. Bei Morgengrauen liegt er wieder im Grab, und der Stein befindet sich, in den Visionen der Zeugen, wieder an seiner falsch verschobenen Stelle.
Das Verhalten des Kerzenträgers variiert stärker. Der Fall Bilač zeigt ihn bei der Rückkehr in den Haushalt, um sich an dem Besitz zu schaffen zu machen, den er durch seine Lästerung befleckt hatte, an der Stute und am Rauchabzug. Andere von Krauss aufgezeichnete Fälle von Kerzenträgern zeigen die kopflose Gestalt um Mitternacht im Bienenstand, wie sie die falsche Kerze über die Bienen hält, die mit der Hostie hätten gefüttert werden sollen.
Krauss’ Anmerkung
Krauss machte in seinem Material zu Steinträger und Kerzenträger eine scharfe historische Beobachtung, die festgehalten werden sollte. Die Entweihung der Hostie war in der europäischen Geschichte immer wieder der Auslöser für Wellen antisemitischer Gewalt. Mittelalterliche deutsche Städte verbrannten jüdische Bevölkerungen unter der Anschuldigung, die Hostie gestohlen und durchstochen zu haben. Die Südslawen nahmen denselben theologischen Glauben an die schreckliche Macht der entweihten Hostie und machten daraus keine Judenverfolgung. Wie Krauss schrieb: nur zu einer bei den Südslaven nicht, zur Judenverfolgung wie in Deutschland im Mittelalter schmachvollen Andenkens. Bei den Südslawen führte der Glaube an die Hostienentweihung nie zu jener schändlichen Erinnerung an Judenverfolgungen, wie sie das mittelalterliche Deutschland hervorgebracht hat.
Die südslawische Antwort auf die Frage „Was geschieht mit einem Mann, der die Hostie stiehlt?“ war der Kerzenträger, der kopflos in seinem eigenen Bienenstand umgeht. Nicht ein Pogrom gegen Menschen, die mit ihm nichts zu tun hatten.
Schutz
Beim Steinträger ist der einzige belegte Schutz die Wiederherstellung. Die unrechtmäßig verschobenen Grenzsteine müssen an ihren ursprünglichen Ort zurückgebracht werden. Erst dann kann die Seele ruhen. Tun müssen das die Nachbarsfamilie oder die Nachkommen des ursprünglichen Verschiebers. Bis dahin geht das nächtliche Wandern weiter.
Beim Kerzenträger ist keine Wiedergutmachung zu Lebzeiten mehr möglich. Die Hostie ist fort. Was bleibt, ist die Austreibung durch einen geisterbanner aus der Familie Imro Koprivčević oder durch jemanden, der in derselben Tradition ausgebildet wurde. Die Austreibung gelingt nicht immer beim ersten Versuch. Im Fall Bilač dauerte es eine Nacht.
Der Pleternica-Komplex
Beide Wesen gehören zu einem größeren Komplex von Wiedergängern aus der Region Pleternica, den Krauss von namentlich bekannten Gewährsleuten sammelte. Imro Koprivčević ist dabei der wiederkehrende Fachmann. Weitere Informanten sind Mato Nikolčić, Manda Šuperina und Margita Josipović, alle aus Pleternica oder den Nachbardörfern, alle von Krauss’ Mutter bei datierten Besuchen zwischen 1886 und 1888 befragt.
Der Pleternica-Komplex stellt die dichteste dokumentierte Wiedergängertradition in einer einzelnen südslawischen Mikroregion dar. Steinträger und Kerzenträger sind Teil einer größeren Taxonomie, zu der auch der Vampir, der Vukodlak und fallspezifische Wiedergänger gehören. Für die weitere Geografie siehe Pleternica.
Kulturübergreifende Verbindungen
Die innere Bauform dieser beiden Wesen, Sünde → Last tragen, hat Parallelen in der katholischen Bildwelt des Fegefeuers. Büßende werden in der spätmittelalterlichen Kunst manchmal mit den Werkzeugen ihrer Sünde dargestellt: den falschen Gewichten unehrlicher Händler oder den falsch gesetzten Steinen von Landdieben. Der Steinträger steht ganz in dieser ikonografischen Tradition.
Der Kerzenträger hat eine nähere Parallele in der jüdischen Folklore: dem gilgul, einer Seele, die wegen einer bestimmten Sünde in einem früheren Leben in erniedrigter Form zurückkehren muss. Beide Wesen verkörpern dieselbe theologische Intuition: Die Strafe muss zur Sünde passen und von außen sichtbar sein.
Was das Paar aus Pleternica bewahrt, ist die südslawische Variante eines Volks-Dante. Die Kosmologie ist lokal, die Buße präzise. Die Zeugen haben Namen, die Daten sind festgehalten, und Imro Koprivčević verlangte ein Honorar dafür, einen der beiden Wiedergänger loszuwerden, wenn er sich in einem Haushalt festgesetzt hatte.
Quellen
Bibliographie. Dieselbe Liste findet sich auch im Frontmatter des Artikels für Zitationswerkzeuge, die diese Daten maschinell auslesen.
- Friedrich S. Krauss, Slavische Volksforschungen (Wilhelm Heims, Leipzig, 1908)
- Imro Koprivčević aus Pleternica, professioneller Geisterbanner (geisterbanner), über Krauss’ Mutter interviewt (1886 bis 1888)
