Kompendium · Personifizierter Tod / Der Sensenmann

Smrt

Smrt ist der personifizierte Tod im südslawischen Volksmärchen: eine Frau mit Sense, die zur Todesstunde jeden Menschen aufsucht, eine Höhle hütet, in der jede Seele als Kerze brennt, und mit der man verhandeln oder die man sogar auf einen Birnbaum locken kann. Sie unterscheidet sich von der Jahreszeitengöttin Morana.

Smrt
Typ
Personifizierter Tod / Der Sensenmann
Herkunft
Südslawischer Volksglaube (Serbisch, Kroatisch)
Zeitraum
Volkstradition; aufgezeichnet in der Ethnografie des 19. Jahrhunderts (Stojanović, 1867)

Ein alter Schmied sitzt beim Abendessen, als sich die Tür öffnet und der Tod hereintritt – eine Frau mit einer Sense auf der Schulter, gekommen, um ihn zu holen. Er hat noch eine Bitte. Er möchte sich ein letztes Mal an Birnen satt essen. Könnte sie also auf seinen Birnbaum klettern und ihm ein paar pflücken? Sie tut ihm den Gefallen und steigt in die Äste. In dem Moment, als sie oben ist, ruft der Schmied: „Wo du bist, da bleibst du“, und sie wird wie eine Gefangene im Baum festgehalten. Wann immer er Birnen essen möchte, schlägt er sie einfach mit einem Stock herunter. Und weil der Tod in einem slawonischen Dorf in einem Birnbaum festsitzt, kann nirgendwo auf der Welt mehr jemand sterben.

Das ist Smrt, der personifizierte Tod im südslawischen Volksmärchen.

Eine Frau mit Sense

In den südslawischen Sprachen ist das Wort für Tod, smrt, grammatikalisch weiblich, und die Volksfantasie nahm diese Grammatik beim Wort. Der Tod ist in diesen Märchen eine Frau. Sie wandert als große, schwarz gekleidete Gestalt mit einer Sense über der Schulter die Straßen entlang, und wenn die Zeit eines Menschen gekommen ist, ist sie es, die erscheint, um die Seele zu holen. Die Sense ist ihr Werkzeug. In älteren slawischen Redewendungen holt der Tod die Seele mit einem Messer oder einem Säbel heraus, aber es ist die Klinge der Schnitterin, die sich im Gesamtbild durchgesetzt hat.

Die Höhle der Kerzen

Das seltsamste Geschenk, das das Volksmärchen dem Tod macht, ist ihre Höhle. In „Der Tod als Patin“ steht sie einem neugeborenen Jungen als kuma (Patin) zur Seite, und eines Tages nimmt sie ihr Patenkind mit hinab in die Erde. Sie entzündet eine Fackel, führt ihn durch ein gewaltiges Doppeltor, und auf der anderen Seite erstreckt sich ein Raum, der für das Auge viel zu riesig ist. Dort brennen unzählige Kerzen, so viele wie Sterne am Himmel. Jede Kerze ist eine lebende Seele. „Wenn ein Mensch geboren wird, wird seine Kerze entzündet, und wenn seine Kerze herunterbrennt, stirbt er.“ Der Junge, der nach seiner Patin Smrtko genannt wird, entdeckt, dass seine eigene Kerze bereits ein flackernder Stummel ist, und fleht sie an, ein frisches Stück an ihre Stelle zu setzen.

Das ist die Lebenskerze, und dieses Bild ist nicht nur slawisch. Volkskundler ordnen die Geschichte als Märchentyp 332 ein, „Der Gevatter Tod“, und ihre bekannteste Version ist das gleichnamige Märchen der Gebrüder Grimm, in dem der Tod sein Patenkind in denselben unterirdischen Saal brennender Leben führt. Die südslawische Version behält die Höhle bei und macht aus dem Patenonkel eine Patentante.

Wusstest du?

Die Logik des gefangenen Todes ist bestechend präzise. Da sie eine einzige Person ist, die eine einzige Aufgabe erfüllt, bringt das Fesseln an einen Birnbaum diese Arbeit überall zum Erliegen: Solange der Schmied sie festhält, kann niemand auf der Erde sterben. Ein zweiter Tod, ihre Schwester genannt, muss schließlich aufbrechen, um sie zu befreien, damit die Welt wieder ihren gewohnten, endlichen Gang gehen kann.

Der Tod der Save-Ebene

Ivan Kukuljevićs historische Gesellschaft entsandte im Jahre 1862 ihren Fragebogen durch ganz Kroatien, und aus dem Save-Gebiet kehrten zwei weitere Bildnisse von ihr zurück, die 1863 im Arkiv za povjestnicu Jugoslavensku abgedruckt wurden. Keines davon gleicht dem Schnitter der Volkssage, und beide sind von weitaus grausigerer Natur.

Gjuro Deželić aus Ivanić-grad beschrieb sie als eine hässliche, missgünstige Frau, die Königin der Unterwelt, die in der einen Hand eine Sense und in der anderen eine Laterne sowie ein Stund

Nicht Morana

Smrt sollte nicht mit Morana, der anderen slawischen Todesfigur, in einen Topf geworfen werden, denn die beiden verrichten unterschiedliche Arbeit. Morana ist die Göttin des winterlichen Todes und der Wiederkehr des Frühlings, die Strohpuppe, die jeden März aus dem Dorf getragen und ertränkt wird, damit die Jahreszeit wechseln kann. Sie gehört zum Kalender und zu den Feldern.

Smrt gehört ans Sterbebett. Sie ist diejenige, die zur bestimmten Stunde für den einzelnen Menschen kommt – die Gestalt, der die Suđenice das Neugeborene übergeben, wenn sie die Länge seiner Kerze abmessen. Mit ihr kann man diskutieren, man kann sie hinhalten und ab und zu auf einen Birnbaum locken. Die eine ist der Tod des Jahres. Die andere ist der Tod des Mannes bei seinem Abendessen.

Quellen

Bibliografie. Dieselbe Liste ist in den Metadaten des Artikels für Zitiertools hinterlegt, die sie maschinell auslesen.

  • Odgovori na pitanja družtva za jugoslavensku povjestnicu i starine, in Arkiv za povjestnicu Jugoslavensku VII (Zagreb, 1863): die Fragebogen-Antworten von G. Deželić (Ivanić-grad), B. Modrušić (Lonja) und M. Valjavec (Varaždin)
  • Stojanović, Mijat. Volksmärchen (Orig. Pučke pripoviedke, Zagreb, 1867), übersetzt von Rade Kolbas (2026): die Märchen ‘Der Tod als Patin’ (die Höhle der Lebenskerzen) und ‘Der Schmied und sein Birnbaum’ (den Tod fangen)
  • Slovenski etnografski muzej, ‘Slawische Volksvorstellungen vom Tod nach linguistischen Daten’, Etnolog 9 (2009): der personifizierte Tod und die Sense/der Säbel/das Messer der Seelenentnahme
  • Aarne-Thompson-Uther Märchentyp ATU 332, ‘Der Gevatter Tod’ (die Höhle der Lebenskerzen); Grimms ‘Der Gevatter Tod’, Kinder- und Hausmärchen Nr. 44
Primärquellen
  • Stojanović, Mijat. Volksmärchen (Orig. Pučke pripoviedke, Zagreb, 1867), übersetzt von Rade Kolbas (2026): die Märchen 'Der Tod als Patin' (die Höhle der Lebenskerzen) und 'Der Schmied und sein Birnbaum' (den Tod fangen)
  • Slovenski etnografski muzej, 'Slawische Volksvorstellungen vom Tod nach linguistischen Daten', Etnolog 9 (2009): der personifizierte Tod und die Sense/der Säbel/das Messer der Seelenentnahme
  • Aarne-Thompson-Uther Märchentyp ATU 332, 'Der Gevatter Tod' (die Höhle der Lebenskerzen); Grimms 'Der Gevatter Tod', Kinder- und Hausmärchen Nr. 44
  • Odgovori na pitanja družtva za jugoslavensku povjestnicu i starine, in Arkiv za povjestnicu Jugoslavensku VII (Zagreb, 1863): die Fragebogen-Antworten von G. Deželić (Ivanić-grad), B. Modrušić (Lonja) und M. Valjavec (Varaždin)
Verwandte Wesen
Cosmic Principle

Häufige Fragen

Was ist Smrt?
Smrt ist die personifizierte Figur des Todes im südslawischen Volksmärchen. Das Wort smrt ist grammatikalisch weiblich, und der Tod tritt als Frau auf, meist in Schwarz gekleidet und mit einer Sense. Sie kommt zur Todesstunde für jeden Menschen und nimmt dessen Seele. Im Gegensatz zu einer abstrakten Macht kann man mit ihr sprechen, verhandeln und sie in manchen Märchen sogar überlisten.
Was ist die Höhle der Kerzen?
Im Märchen ‘Der Tod als Patin’ nimmt der Tod ihr Patenkind mit in eine unterirdische Höhle, in der unzählige Kerzen brennen, eine für jede lebende Seele. Eine Kerze wird entzündet, wenn ein Mensch geboren wird, und er stirbt, wenn sie herunterbrennt. Dieses Bild der ‘Lebenskerze’ ist das Herzstück des internationalen Märchentyps ‘Der Gevatter Tod’.
Wie kann der Tod gefangen werden?
In ‘Der Schmied und sein Birnbaum’ bittet ein alter Schmied den Tod, für eine letzte Mahlzeit auf seinen Birnbaum zu klettern, und fängt sie dann mit den Worten ‘Wo du bist, da bleibst du’ in den Ästen. Solange sie dort festgehalten wird, kann niemand auf der Welt sterben, bis ihre Schwester, ein weiterer Tod, kommt, um sie zu befreien.
Ist Smrt dasselbe wie Morana?
Nein. Morana (Marzanna) ist die Jahreszeitengöttin des winterlichen Todes und der Wiedergeburt im Frühling, deren Strohpuppe jeden Frühling ertränkt wird. Smrt ist die personifizierte Schnitterin am Sterbebett, die zur bestimmten Stunde für den Einzelnen kommt. Es sind zwei verschiedene Todesfiguren: Die eine gehört zum Jahreskreislauf, die andere zum sterbenden Menschen.
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