Bestiarium · Trickster-Geist
Saci-Pererê
Saci-Pererê: Brasiliens einbeiniger Trickster, der in Staubwirbeln reist, Pferdemähnen verknotet und Milch sauer werden lässt. Ein Waldgeist der Tupi-Guarani, der unter afrikanischem Einfluss zur nationalen Folkloregestalt wurde.
Primärquellen
- Monteiro Lobato, O Saci-Pererê: Resultado de um Inquérito (1918): Zeitungsumfrage mit gesammelten Saci-Berichten
- Luís da Câmara Cascudo, Dicionário do Folclore Brasileiro (1954)
- Luís da Câmara Cascudo, Geografia dos Mitos Brasileiros (1947)
- Mário de Andrade, Notizbücher zur Folkloreforschung (1920er–30er Jahre)
Schutzmaßnahmen
- Seine rote Mütze (carapuça) ist die Quelle seiner Macht: Wer sie an sich nimmt, beherrscht ihn
- Man kann ihn in einer dunklen Glasflasche fangen, indem man ein Sieb über einen Staubwirbel stülpt und die Flasche dann mit einem Rosenkranz versiegelt
- Er kann kein fließendes Wasser überqueren
- Er fürchtet den Klang von Gebeten und den Anblick von Kreuzen
Shapeshifter
- Tutyr
- Sirdon
- Talasum
- Škratelj
- Vuk Ognjeni Zmaj
- Dantalion
- Ornias
- Amon
- Bael
- Onoskelis
- Enepsigos
- Sakhr
- Benandanti
- Krsnik
- Vještica
- Burde
- Selkie
- Jorōgumo
- Tanuki
- Eshu
- Tengu
- Māui
- Hermes
- Merkur
- Loki
- Der Hoia-Baciu-Wald
- Pleternica: Krauss’ Dorf
- Vučji pastir
- La Patasola
- El Mohán
- Peri
- Agwu
- Bori-Geister (Iskoki)
- Emere
- Evus (Evu)
- /Kaggen
- Ravana
- Ngürüvilu
- Hồ Tinh
- Naga
- Iara
- Boto
- Curupira
- Patupaiarehe
- Aisha Qandicha
- Moura Encantada
- Teryel
- Kitsune
- Coyote
- Skinwalker / Yee Naaldlooshii
- Bastet
- Adze
- Mami Wata
- Anansi
- Pombero
Wenn ein Staubwirbel über ein trockenes Feld im brasilianischen Hinterland jagt, reitet etwas darin mit.
Die rote Mütze
Er ist ein Junge, dunkelhäutig, einbeinig, und hüpft mit einer Geschwindigkeit, die jeden mit zwei Beinen lächerlich macht. Zwischen den Zähnen klemmt eine kurze Tonpfeife. Helle, scharfe Augen, denen nichts entgeht und die alles komisch finden. Auf dem Kopf trägt er eine rote Zipfelmütze, die carapuça, geformt wie eine phrygische Mütze. In dieser Mütze sitzt seine Macht. Nimm sie ihm weg, und er gehört dir.
Der Saci-Pererê ist Brasiliens bekannteste Folkloregestalt, aber so hat er nicht angefangen. Das ursprüngliche Wesen der Tupi-Guarani war ein einbeiniger Waldgeist, manchmal vogelartig beschrieben, ein Geschöpf aus Pfeifen und Warnrufen. In der Kolonialzeit, als versklavte Afrikaner und ihre Nachkommen ihre kulturellen Traditionen mit indigenen und portugiesischen Vorstellungen vermischten, nahm die Figur neue Eigenschaften an. Die dunkle Haut stammt aus afrikanischen Trickster-Traditionen. Die Pfeife kam aus der Tabakkultur. Die rote Mütze geht wahrscheinlich auf portugiesische Volksvorstellungen von verzauberten Kappen zurück, die besondere Kräfte verleihen.
Câmara Cascudo zeichnete diese synkretische Entwicklung in Geografia dos Mitos Brasileiros (1947) nach. In der fertigen Gestalt sind die drei kulturellen Eltern des Saci noch klar zu erkennen: ein Tupi-Körper, ein afrikanischer Geist und portugiesische Kleidung.
Der Saci-Pererê ist eine synkretische Schöpfung: ein einbeiniger Waldgeist der Tupi-Guarani, afrikanische Trickster-Eigenschaften und eine portugiesische verzauberte rote Mütze. Drei Kulturen verschmolzen im kolonialen Brasilien zu einer einzigen Figur. Câmara Cascudo verfolgte alle drei Linien in seiner Untersuchung von 1947.
Der Unfug
Der Saci tötet nicht. Er nervt. Er verknotet Pferdemähnen zu Knäueln, für deren Entwirrung man Stunden braucht. Über Nacht lässt er Milch sauer werden. Er verbrennt Popcorn auf dem Herd. Er versteckt Schlüssel, Werkzeuge und einzelne Schuhe. Er trennt Nähte auf, scheucht Hühner auseinander und öffnet Tore, damit das Vieh davonläuft. Wenn im Haus etwas schiefläuft und niemand erklären kann, warum, dann war es der Saci.
Er reist in Staubwirbeln (redemoinhos), jenen kleinen Windhosen, die bei trockenem Wetter über offenes Gelände tanzen. In jedem steckt ein Saci. Er kann auch nach Belieben verschwinden und wieder auftauchen, und er kennt die Heilkräfte jeder Pflanze im Wald. Er ist nicht nur eine Hausplage: In manchen regionalen Varianten ist er auch ein Wächter des Waldes, der diejenigen bestraft, die das Land schlecht behandeln.
Seine Angst vor Wasser ist seine größte Schwäche. Einen fließenden Bach kann er nicht überqueren. Auch Gebete und Kreuze halten ihn fern.
Lobatos Umfrage
1918 veröffentlichte der Schriftsteller Monteiro Lobato O Saci-Pererê: Resultado de um Inquérito, basierend auf einer Umfrage, die er über die Zeitung O Estado de São Paulo durchgeführt hatte. Er bat die Leser, ihm ihre Saci-Geschichten zu schicken. Die Antworten kamen aus dem ganzen Süden und Südosten Brasiliens und zeigten eine Figur, die überall lokal und nirgends ganz dieselbe war. Jede Gemeinschaft hatte ihren eigenen Saci, mit eigenen Gewohnheiten und eigenen Regeln.
Später brachte Lobato den Saci in seine Kinderbuchreihe Sítio do Picapau Amarelo und machte den Trickster für Generationen brasilianischer Leser zu einer vertrauten Gestalt. Der literarische Saci ist sanfter als der Saci der Volksüberlieferung. Die volkstümliche Version kann wirklich unheimlich sein: Er treibt Männer im Wald in den Wahnsinn, verursacht tödliche Reitunfälle, und sein Pfeifen in der Nacht kündigt Unglück an.
Die Falle
Du brauchst eine dunkle Glasflasche, ein Sieb und einen Rosenkranz.
Wenn ein Staubwirbel auftaucht, wirf das Sieb darüber. Das Netz hält den Saci darin fest. Dann musst du ihn schnell in die Flasche bringen. Versiegle die Flasche mit einem Kreuz oder wickle einen Rosenkranz um den Flaschenhals. Nimm ihm die rote Mütze ab. Ohne sie schwindet seine Macht, und er muss dem dienen, der die Mütze besitzt.
Der Saci wird verhandeln. Er wird Gefallen versprechen, Wünsche erfüllen, den Ort verborgener Schätze verraten. Ihn in der Flasche zu halten, ist die eigentliche Schwierigkeit. Er ist ein Verhandler, ein Lügner und geduldiger, als Menschen es je sein könnten. Die meisten, die einen Saci fangen, lassen ihn irgendwann wieder frei — absichtlich oder aus Versehen.
Monteiro Lobatos Zeitungsumfrage von 1918 sammelte Saci-Geschichten aus ganz Südbrasilien und zeigte einen Trickster, der überall lokal und nirgends ganz derselbe war. Jede Gemeinschaft hatte ihre eigene Version. Aus dieser Umfrage entstand das Buch, das den Saci zu einer nationalen Figur machte.
Quellen
Bibliographie. Dieselbe Liste findet sich auch im Frontmatter des Artikels für Zitationswerkzeuge, die diese Daten maschinell auslesen.
- Monteiro Lobato, O Saci-Pererê: Resultado de um Inquérito (1918): Zeitungsumfrage mit gesammelten Saci-Berichten
- Luís da Câmara Cascudo, Dicionário do Folclore Brasileiro (1954)
- Luís da Câmara Cascudo, Geografia dos Mitos Brasileiros (1947)
- Mário de Andrade, Notizbücher zur Folkloreforschung (1920er–30er Jahre)
