Bestiarium · Dämon
Obyzouth
Obyzouth ist ein Dämon im Testament Salomos, der keine Gliedmaßen hat und dessen Haar wirr und ungepflegt herabhängt. Nachts erwürgt sie neugeborene Kinder. Der Engel Raphael vereitelt ihr Wirken: Schreibt man seinen Namen auf Papyrus und legt ihn in die Nähe einer gebärenden Frau, weicht Obyzouth zurück. Salomo bestraft sie, indem er sie vor dem Tempel an ihrem eigenen Haar aufhängen lässt – als öffentliche Warnung. Sie gehört zu einer weitverbreiteten antiken Tradition, die Säuglingssterblichkeit mit dämonischen Angriffen verband.
Primärquellen
- Testament Salomos (griechischer Text, 1.–5. Jahrhundert n. Chr.)
- C. C. McCown, The Testament of Solomon (1922) — kritische Edition
- Dennis C. Duling, 'The Testament of Solomon' in The Old Testament Pseudepigrapha, Bd. 1, hrsg. von James H. Charlesworth (1983)
- Walter Burkert, 'Gello' in Structure and History in Greek Mythology and Ritual (1979) — vergleichender Kontext
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Obyzouth hat keine Arme und keine Beine. Ihr Haar hängt wild und verfilzt herab. Sie bewegt sich durch die Nacht und erwürgt neugeborene Kinder. Das Testament Salomos, das Dutzende von Dämonen mit beinahe klinischer Genauigkeit katalogisiert, gibt ihr eine der verstörendsten körperlichen Beschreibungen des ganzen Textes: ein Wesen, reduziert auf einen Kopf, einen Rumpf und den Willen, Säuglinge zu töten.
Das Zeugnis
Als Salomo Obyzouth vor seinen Thron bringen lässt, sagt sie ihm ohne Zögern, was sie tut. Sie besucht Frauen in den Wehen, wartet auf die Geburt und erwürgt dann das Kind. Gelingt es ihr nicht, das Neugeborene zu töten, greift sie stattdessen Augen, Mund oder Verstand des Kindes an und hinterlässt Schaden dort, wo sie keinen Tod hinterlassen kann.
Salomo stellt die übliche Frage: Was hält dich auf? Obyzouth nennt den Engel Raphael. Sie gibt Salomo eine konkrete Schutzformel: Man soll den Namen Raphaels auf ein Stück Papyrus schreiben und es in die Nähe der gebärenden Frau legen. Dann wird der Dämon fliehen.
Diese Stelle steht der Volksmedizin näher als der Theologie. Das Testament erklärt nicht, warum Raphaels Name wirkt. Es hält die Vorschrift einfach fest, als wäre die Information zu wichtig, um sie unter Kommentaren zu begraben. Für alle, die den Text als praktisches Handbuch lasen – und Beschwörungsschalen und Amulette zeigen, dass Menschen genau das taten –, war Obyzouths Aussage der nützliche Teil.
Die Strafe
Salomos Reaktion auf Obyzouth ist im Testament einzigartig. Andere Dämonen werden zur Arbeit eingeteilt: Sie brechen Stein, spinnen Seile, tragen Balken. Obyzouth aber wird an ihrem eigenen Haar vor dem Tempel aufgehängt und öffentlich zur Schau gestellt. Aus ihr wird eine Warnung statt einer Arbeiterin.
Die Strafe passt zu ihrem Körper. Ein Wesen ohne Gliedmaßen kann weder Steine brechen noch Lasten tragen. Aber ein Wesen mit wildem, zerzaustem Haar kann daran aufgehängt werden. Salomo stimmt im ganzen Testament Strafen mit der Präzision eines Richters auf die Natur der Bestraften ab, der jede Akte genau gelesen hat.
Die öffentliche Zurschaustellung erfüllt innerhalb der Logik des Textes noch einen praktischen Zweck. Obyzouth wirkt im Verborgenen, nachts, im privaten Raum der Geburtskammer. Sie vor dem Tempel aufzuhängen, dem öffentlichsten Ort Jerusalems, kehrt ihre Methode um. Die verborgene Mörderin wird sichtbar. Das heimliche Raubtier wird zum Spektakel.
Die Tradition
Obyzouth gehört zu einer Kategorie von Wesen, die sich durch die ganze antike Welt zieht. Die mesopotamische Lamaschtu, dargestellt auf neuassyrischen Bronzeplatten und Tonamuletten des 1. Jahrtausends v. Chr., greift schwangere Frauen und stillende Mütter an. Vertrieben wird sie durch den Schutzdämon Pazuzu, dessen Bild in Geburtskammern aufgestellt wurde. Die griechische Gello, die laut späteren Quellen schon bei Sappho im 6. Jahrhundert v. Chr. erwähnt wird, tötet Kinder. Die jüdische Lilith erwürgt im Alphabet des Ben Sira (ca. 8.–11. Jahrhundert n. Chr.) Säuglinge und wird durch die Namen dreier Engel abgewehrt: Senoy, Sansenoy und Semangelof.
Das Muster bleibt über Kulturen hinweg erstaunlich konstant – in Kulturen, die entlang der Handelsrouten des Alten Vorderen Orients und des Mittelmeerraums Ideen austauschten. Eine weibliche Dämonin hat es auf Säuglinge abgesehen. Ein göttlicher Name oder ein heiliges Bild vertreibt sie. Der Schutz wird geschrieben oder gezeichnet und in die Nähe der Gefährdeten gelegt. Obyzouth ist ein Knotenpunkt in einem Netz, das mesopotamischen Ton mit jüdischem Papyrus und griechischer Dichtung verbindet – alles aufgebaut um dieselbe Angst und dieselbe Antwort darauf.
Weiterführende Lektüre
- Das Testament Salomos. Der vollständige Artikel über den Text, der Obyzouths Verhör enthält.
- Onoskelis. Die mulenbeinige Verführerin, ein weiterer weiblicher Dämon aus demselben Text.
- Lilith. Die berühmteste kindstötende Dämonin der jüdischen Tradition.
Quellen
Bibliographie. Dieselbe Liste findet sich auch im Frontmatter des Artikels für Zitationswerkzeuge, die diese Daten maschinell auslesen.
- Testament Salomos (griechischer Text, 1.–5. Jahrhundert n. Chr.)
- C. C. McCown, The Testament of Solomon (1922) — kritische Edition
- Dennis C. Duling, ‘The Testament of Solomon’ in The Old Testament Pseudepigrapha, Bd. 1, hrsg. von James H. Charlesworth (1983)
- Walter Burkert, ‘Gello’ in Structure and History in Greek Mythology and Ritual (1979) — vergleichender Kontext
