Bestiarium · Weinender Geist / Flussgeist

La Llorona

La Llorona: die weinende Frau der mexikanischen Folklore. Sie ertränkte ihre Kinder und wandert nun nachts an Flüssen entlang, klagend und weinend. Wenn sie dich nach Einbruch der Dunkelheit am Wasser findet, nimmt sie vielleicht dich an ihrer Stelle.

La Llorona
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Die Geschichte wird vom Norden Mexikos bis in den Süden Chiles erzählt, mit lokalen Varianten an jeder Station. Der Kern bleibt gleich: Eine schöne Frau, meist María genannt, wird von ihrem Ehemann oder Geliebten verraten. In einem Moment aus Wut oder Verzweiflung ertränkt sie ihre Kinder in einem Fluss. Dann begreift sie die ganze Ungeheuerlichkeit ihrer Tat. Sie ertränkt sich selbst, oder Gott verdammt sie, oder der Fluss nimmt sie. Sie kann den Himmel nicht betreten, bis sie ihre Kinder gefunden hat. Also sucht sie die Wasserläufe ab, weinend und klagend.

Der Schrei

Ihr Ruf, „¡Ay, mis hijos!“ („Oh, meine Kinder!“), ist nach Einbruch der Dunkelheit an Flüssen, Seen und Bewässerungskanälen zu hören. Eltern in ganz Mexiko und im Südwesten der USA nutzen die Legende, um Kinder nachts von gefährlichen Gewässern fernzuhalten. Ihre praktische Funktion ist dieselbe wie die des japanischen Kappa: eine Geschichte, die die Gefahr des Ertrinkens in ein Monster verwandelt.

Cihuacoatl

Von der aztekischen Göttin Cihuacoatl, der Schlangenfrau, heißt es, sie habe in den Jahren vor der spanischen Eroberung klagend durch die Straßen von Tenochtitlan geweint. Sahagúns Florentiner Kodex verzeichnet diese Omen: die Stimme einer Frau, die durch die Nacht ruft: „Oh, meine Kinder, wohin soll ich euch bringen?“ Die Parallele zu La Llorona ist auffällig. Ob die koloniale Legende den aztekischen Vorläufer in sich aufgenommen hat oder ob beide auf ein gemeinsames Muster zurückgehen, ist umstritten. Die klagende Frau, die nach verlorenen Kindern sucht, gibt es kulturübergreifend – von der irischen Banshee bis zur slawischen Vila.

Der Fluss

In jeder Version steht das Wasser im Zentrum. La Llorona ertränkte ihre Kinder im Wasser, sucht nach ihnen im Wasser und holt ihre Opfer vom Rand des Wassers. Die Geschichte passt genau zur Geografie einer Landschaft, in der Flüsse, Kanäle und Bewässerungsgräben zugleich lebenswichtig und gefährlich sind. Die weinende Frau ist das Geräusch, das das Wasser macht, wenn es jemanden nimmt.

Quellen

Bibliographie. Dieselbe Liste findet sich auch im Frontmatter des Artikels für Zitationswerkzeuge, die diese Daten maschinell auslesen.

  • Mündliche Überlieferung in ganz Mexiko und Lateinamerika
  • Bernardino de Sahagún, Florentiner Kodex: die klagende Cihuacoatl
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