Kompendium · Gott / Wetter

Illapa

Illapa war der Inka-Gott des Donners, der Blitze und des Regens, die drittwichtigste Gottheit im Inka-Pantheon nach Viracocha und Inti. Er trug eine Schleuder: Ihr Knall erzeugte den Blitz, ihr Klang war der Donner. Die Milchstraße war der Wasserkrug seiner Schwester, den er mit einem Stein zerschlug, damit Regen fiel. Wer vom Blitz getroffen wurde und überlebte, wurde zu einem religiösen Spezialisten. Wer daran starb, erhielt ein besonderes Begräbnis. Er hatte ein Heiligtum im Coricancha und wurde in Zeiten der Dürre angerufen.

Illapa
Typ
Gott / Wetter
Herkunft
Inka / Quechua
Zeitraum
ca. 600–1533 n. Chr.

Die Inka beschrieben den Donner als das Geräusch einer Schleuder.

Illapa stand irgendwo in der Milchstraße, in glänzenden Gewändern, und schwang eine mit einem Stein geladene Schleuder. Wenn der Stein herausschlug, zuckte der Blitz. Der Klang kam danach. Seine Schwester trug einen Wasserkrug entlang des himmlischen Flusses. Wenn er ihn aufschlug, fiel das Wasser als Regen herab. Die Milchstraße war eine Wasserquelle, und Illapa beherrschte sie.

Auf dem hohen Andenplateau, wo Frost im August die Ernte vernichten kann und Dürre sich über Jahre hinziehen kann, war das keine abstrakte Mythologie, sondern gelebte Theologie.

Die Schleuder und der Sturm

Illapa stand an dritter Stelle in der göttlichen Hierarchie der Inka, unter Viracocha und Inti. Sein Heiligtum im Coricancha in Cuzco enthielt eine goldene Figur eines Mannes in glänzenden Gewändern. Cobos Beschreibung, 1653 auf Grundlage älterer Quellen niedergeschrieben, stellt ihn in dasselbe Gebäude wie Inti, Mama Quilla und Viracocha, den innersten Kreis der Inka-Göttlichkeit.

Sein Zuständigkeitsbereich war praktischer als die Sonnen- und Mondkulte. Inti herrschte über Zeit und Legitimität; Mama Quilla über den Kalender. Illapa entschied darüber, ob die Ernte lebte. Die Anden erhalten den Großteil ihres Regens zwischen November und März, aber die Verteilung ist unregelmäßig. In trockenen Jahren fiel das Wasser aus dem Krug von Illapas Schwester einfach nicht. In gewaltsamen Jahren zerfetzte Hagel die Pflanzen noch vor der Ernte. Beides lag in Illapas Macht. Dürre-Rituale richteten sich ausdrücklich an ihn, mit Opfergaben aus Nahrung, Chicha und Tieren.

Wusstest du?

Die Inka beobachteten in der Milchstraße auch dunkle Wolkenkonstellationen, also Formen, die nicht aus Sternen, sondern aus dunklen Nebeln gebildet wurden. Mehrere dieser Sternbilder entsprachen Tieren: dem Lama, dem Fuchs, der Schlange. Derselbe Himmelsstreifen, auf dem Illapa und seine Schwester einen himmlischen Fluss entlangzogen, wurde also auch als Bestiarium gelesen. Die andine Astronomie arbeitete gleichzeitig mit beiden Systemen.

Kinder Illapas

Die Reaktion der Inka auf einen Blitzschlag hing vollständig davon ab, ob die betroffene Person überlebte.

Wer durch einen Blitz getötet wurde, erhielt eine besondere Behandlung des Leichnams. Die üblichen Bestattungspraktiken der Inka galten hier nicht. Die Person war von Illapa geholt worden, und der Körper wurde entsprechend behandelt, mit besonderen Ritualen, die Molina und Cobo überliefern und die Blitzopfer von den gewöhnlichen Toten unterschieden. Auch der Ort des Einschlags galt als heilig.

Wer überlebte, wurde churi illapa genannt, Kind Illapas. Das Erlebnis galt als direkte Erwählung durch die Gottheit: Er hatte die Person berührt und am Leben gelassen. Von Überlebenden wurde erwartet, in die religiöse Praxis einzutreten und zu Spezialisten für Wetterrituale und Weissagung zu werden. Die Begegnung mit dem Blitz war eine Berufung.

Diese Logik passt zur Inka-Vorstellung göttlicher Begegnung im Allgemeinen. Wer mit einer mächtigen Gottheit unmittelbar in Berührung kam und überlebte, war dadurch verändert. Der Körper des Überlebenden war von dem berührt worden, was die Gottheit beherrschte, und trug diesen Kontakt in alles mit hinein, was danach kam.

Wetter auf dem Hochplateau

In den Höhenlagen, in denen sich ein großer Teil der andinen Zivilisation entwickelte, ist Wetter keine Hintergrundbedingung. Frost kann auf 3.000 Metern in jedem Monat auftreten. Hagel vernichtet in einem einzigen Nachmittag Feldfrüchte, die monatelang gewachsen sind. Blitzeinschläge auf freiliegenden Bergrücken sind häufig. Die Gottheit, die über diese Phänomene herrschte, besaß greifbare Macht über das landwirtschaftliche Überleben.

Illapa wurde vor der Aussaat und während Dürreperioden mit Zeremonien angerufen, die in Molinas Relación beschrieben werden. Cobo berichtet, dass Inka-Gemeinschaften in den Hochebenen eigene lokale Heiligtümer für Illapa unterhielten, getrennt vom Coricancha, Orte, die mit den Wettermustern genau dieser Landschaft verbunden waren. Sein Kult war zugleich staatlich, mit Zentrum in Cuzco, und lokal, gebunden an das konkrete Wetterverhalten einzelner Täler und Hochplateaus.

Wusstest du?

Die spanischen Chronisten verglichen Illapa bei ihrer ersten Begegnung mit seinem Kult mit dem christlichen Teufel, weil Blitz und Sturm auch zerstörerische Seiten haben. Dieser Vergleich war falsch, und zwar auf eine Weise, die ein typisches Missverständnis zeigt: Illapa war nicht böse. Er war die Gottheit von etwas, das wirklich gefährlich war und zugleich das lieferte, was Leben überhaupt möglich machte. Die Inka besänftigten ihn, weil sie den Regen wollten.

Weiterführende Lektüre

  • Inti — der Sonnengott, der über Illapa stand und um dessen Sonnenkalender herum die Inka ihre Staatsreligion aufbauten
  • Viracocha — der Schöpfergott an der Spitze der göttlichen Hierarchie der Inka, über Inti und Illapa
  • Pachamama — die Erdgöttin, deren Felder den von Illapa beherrschten Regen empfingen oder durch ihn zerstört wurden
  • Mama Quilla — die Mondgöttin, die den Coricancha mit Illapa teilte und den Kalender beherrschte, den seine Stürme durcheinanderbrachten

Quellen

  • Historia del nuevo mundo, Bernabé Cobo, 1653 — Beschreibung von Illapas Heiligtum im Coricancha und seiner Attribute
  • El señorío de los Incas, Pedro de Cieza de León, ca. 1550 — Berichte über den Wetterkult der Inka und Dürre-Rituale
  • Relación de las fábulas y ritos de los Incas, Cristóbal de Molina, ca. 1575 — ritueller Kontext für Illapa im Festkalender der Inka
  • Nueva corónica y buen gobierno, Felipe Guaman Poma de Ayala, ca. 1615 — Illustrationen von Illapa und Wetterzeremonien
  • Suma y narración de los Incas, Juan de Betanzos, 1551 — Verweise auf Blitz und Wetter in kosmologischen Darstellungen der Inka
Primärquellen
  • Historia del nuevo mundo, Bernabé Cobo, 1653 — Beschreibung von Illapas Heiligtum im Coricancha und seiner Attribute
  • El señorío de los Incas, Pedro de Cieza de León, ca. 1550 — Berichte über den Wetterkult der Inka und Dürre-Rituale
  • Relación de las fábulas y ritos de los Incas, Cristóbal de Molina, ca. 1575 — ritueller Kontext für Illapa im Festkalender der Inka
  • Nueva corónica y buen gobierno, Felipe Guaman Poma de Ayala, ca. 1615 — Illustrationen von Illapa und Wetterzeremonien
  • Suma y narración de los Incas, Juan de Betanzos, 1551 — Verweise auf Blitz und Wetter in kosmologischen Darstellungen der Inka
Verwandte Wesen
Cosmic Principle
Storm / Wind

Häufige Fragen

Was bedeutet Illapa?
Illapa ist das Quechua-Wort für Blitz und bezeichnet im weiteren Sinn auch die Gottheit, die ihn verkörperte. In manchen Quellen wird er auch Catu Illa und Intillapa genannt, wobei der zweite Name ihn mit Inti, der Sonne, verbindet. Die drei Bezeichnungen können verschiedene Aspekte derselben Gottheit meinen oder dieselbe Gottheit, wie sie von unterschiedlichen Gemeinschaften überliefert wurde. Cobo verwendet Illapa als Standardform.
Wie verursachte Illapa Regen?
Die Inka erklärten Regen mit einem sehr konkreten Bild: Illapas Schwester trug einen großen Wasserkrug entlang der Milchstraße, die als himmlischer Fluss galt. Illapa schlug mit einem Stein aus seiner Schleuder gegen den Krug und zerbrach ihn. Das Wasser, das herausströmte, fiel als Regen zur Erde. Der Donner war der Knall der Schleuder, der Blitz ihr Aufleuchten. Die Vorstellung der Milchstraße als Wasserquelle statt als Ansammlung von Sternen ist eine andine Deutung, die in mehreren Quellen erscheint.
Was geschah mit jemandem, der vom Blitz getroffen wurde?
Die Inka unterschieden sorgfältig zwischen denen, die durch einen Blitzschlag starben, und denen, die ihn überlebten. Wer vom Blitz getötet wurde, galt als von Illapa geholt und erhielt ein besonderes Begräbnis, getrennt von der üblichen Behandlung der Toten. Wer den Einschlag überlebte, wurde churi illapa genannt, Kind Illapas, und sollte in den religiösen Dienst eintreten. Das Erlebnis galt als direkte Begegnung mit der Gottheit, als Erwählung und nicht als Zufall.
Wo befand sich Illapas Heiligtum?
Illapa hatte ein eigenes Heiligtum im Coricancha in Cuzco, dem zentralen Tempelkomplex der wichtigsten Inka-Gottheiten. Cobo beschreibt das Heiligtum als Ort mit einer goldenen Statue Illapas, einer männlichen Gestalt in glänzenden Gewändern. Seine Stellung im Coricancha spiegelte seinen Rang wider: Nach Viracocha und Inti war er die drittwichtigste Gottheit in der Staatsreligion der Inka. Sein Heiligtum stand getrennt von den Sonnen- und Mondkammern.
Warum war Illapa für die andine Landwirtschaft wichtig?
Regen ist in den Anden unzuverlässig. Das Hochlandklima bringt in trockenen Jahren Dürre und in nassen Jahren verheerenden Hagel oder Frost. Illapa herrschte über all das. In Zeiten der Dürre wurde er mit bestimmten Opfergaben und Ritualen angerufen. Man machte ihn aber auch für Hagel verantwortlich, der die Ernte zerstörte, und für Frost, der Pflanzen vor der Ernte vernichtete. Eine Gottheit, die Regen verweigern und schenken konnte und zugleich zerstören konnte, was sie genährt hatte, besaß ganz praktische Macht darüber, ob Menschen zu essen hatten.
Wie wurde Illapa dargestellt?
Die Illustrationen von Guaman Poma de Ayala zeigen Illapa als Mann in glänzender Kleidung mit einer Schleuder. Die glänzenden Gewänder wurden als Spiegelung des Blitzes verstanden. Cobo beschreibt sein Bild im Coricancha als golden und männlich. Die Schleuder war sein wichtigstes Attribut, die Waffe, deren Bewegung das Wetter hervorbrachte. Das Bild ist in den Quellen erstaunlich einheitlich: eine kriegerische Gestalt, deren Kampf mit dem Himmel die Stürme erzeugte.
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