Bestiarium · Dämon
Enepsigos
Enepsigos ist ein gestaltwandelnder weiblicher Dämon im Testament Salomos, der als Frau, als dreigestaltige Göttin und als Wesen mit zahllosen Gliedern erscheint. Sie wohnt im Mond und sagt die Zukunft voraus. Salomo sperrt sie in ein Gefäß. Ihre dreifache Erscheinung verbindet sie mit Hekate, der griechischen Göttin der Wegkreuzungen und der Hexerei, was darauf hindeutet, dass das Testament eine griechische Gottesgestalt in seinen jüdischen dämonologischen Rahmen aufgenommen hat.
Primärquellen
- Testament Salomos (griechischer Text, 1.–5. Jahrhundert n. Chr.)
- C. C. McCown, The Testament of Solomon (1922) — kritische Ausgabe
- Dennis C. Duling, 'The Testament of Solomon' in The Old Testament Pseudepigrapha, Bd. 1, hrsg. von James H. Charlesworth (1983)
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- Kitsune
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Enepsigos wechselt ihre Gestalt. Das ist ihr Wesen, ihre Waffe und der Grund, warum Salomo sie nicht wie die anderen Dämonen seiner Zwangsarbeitertruppe Stein brechen oder Seile drehen lassen kann. Sie erscheint als Frau, dann als Göttin mit drei Formen, dann als Wesen mit zahllosen Gliedern. Salomo versiegelt sie in einem Gefäß und geht weiter.
Das Testament Salomos hält ihre Aussage in nur wenigen Sätzen fest. Doch in diesen Sätzen steckt ein theologischer Zusammenstoß: ein jüdischer Text, auf Griechisch geschrieben, beschreibt einen Dämon, dessen dreifache Form einer der wichtigsten Göttinnen der griechisch-römischen Welt entspricht.
Die drei Formen
Als Salomo Enepsigos verhört, offenbart sie sich stufenweise. Zuerst erscheint sie als Frau. Dann zeigt sie ihre zweite Form: eine Göttin mit drei Körpern. Die Beschreibung passt zu Hekate, der griechischen Göttin der Wegkreuzungen, Schwellen und der Hexerei, die im ganzen antiken Mittelmeerraum an dreifachen Kreuzungen in dreigestaltiger Form dargestellt wurde. Statuen der dreifachen Hekate, sogenannte Hekataia, standen seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. an Wegkreuzungen in der griechischen und römischen Welt.
Enepsigos’ dritte Form gibt jede erkennbare Gestalt ganz auf: ein Wesen mit zahllosen Gliedern, etwas, das sich der Beschreibung entzieht. Die Abfolge führt vom Menschlichen über das Göttliche zum Monströsen, und jede Stufe entfernt sich weiter von allem, was Salomo noch durch ein Gespräch kontrollieren könnte.
Das Testament nennt sie nicht Hekate. Es muss es auch nicht. Jeder griechischsprachige Leser zwischen dem 1. und 5. Jahrhundert hätte die dreigestaltige Göttin sofort erkannt. Der Text hat eine heidnische Gottesfigur in seinen jüdischen dämonologischen Rahmen aufgenommen, ohne die Quelle zu nennen, und eine Göttin allein dadurch in einen Dämon verwandelt, dass er sie unter Salomos Herrschaft katalogisiert.
Der Mond
Enepsigos sagt Salomo, dass sie im Mond wohnt. Hekate war in der griechischen Religion mit dem Mond verbunden, besonders in späterer hellenistischer und römischer Zeit, als sie mit Selene und Artemis zu einer zusammengesetzten Mondgottheit verschmolz. Die Mondphasen, das sichtbarste Beispiel himmlischen Gestaltwandels, machten den Mond zu einem naheliegenden Aufenthaltsort für ein Wesen, dessen wesentliches Merkmal Verwandlung ist.
Das Testament verbindet dieses Wohnen im Mond mit prophetischer Macht. Enepsigos sagt die Zukunft voraus. In der griechischen Tradition wurde Hekate an Schwellen und in liminalen Momenten angerufen, also in jenen Zwischenräumen, in denen die Zukunft zugänglich wurde. Das Testament streift den rituellen Zusammenhang ab und lässt nur die nackte Behauptung stehen: Dieser Dämon lebt im Mond und weiß, was geschehen wird.
Das Gefäß
Salomo versiegelt Enepsigos in einem Gefäß. Im ganzen Testament passen die Strafen zur Natur der jeweiligen Dämonen. Körperliche Dämonen bekommen körperliche Arbeit. Onoskelis spinnt Hanf. Abezethibou trägt eine steinerne Säule. Die sieben kosmischen Geister graben Fundamente aus. Enepsigos dagegen, deren Macht prophetisch und formlos ist, bekommt einen versiegelten Behälter, der Bewegung und Verwandlung gleichermaßen neutralisiert.
Die Praxis, Geister in versiegelten Gefäßen einzusperren, begegnet in mehreren Traditionen. Al-Tabari, der islamische Historiker des 9. Jahrhunderts, berichtet, dass Salomo aufständische Dschinn in kupferne, mit seinem Ring versiegelte Gefäße sperrte und sie ins Meer bei Babylon warf. Auch in den Arabischen Nächten findet sich das Bild eines Fischers, der ein versiegeltes Gefäß mit einem eingesperrten Dschinn darin entdeckt. Ob die Gefäßtradition des Testaments die arabischen Erzählungen beeinflusst hat oder ob beide auf eine gemeinsame altorientalische Praxis ritueller Bannung zurückgehen, ist unklar. Das Muster ist alt genug, dass es älter sein könnte als alle erhaltenen literarischen Quellen.
Weiterführende Lektüre
- Das Testament Salomos. Der vollständige Artikel über den Text, der Enepsigos katalogisiert.
- Onoskelis. Der dämonische Maultierbeiner, auf eine einzige Form festgelegt, während Enepsigos zwischen vielen wechselt.
- Obyzouth. Der dritte namentlich genannte weibliche Dämon im Testament.
Quellen
Bibliographie. Dieselbe Liste findet sich auch im Frontmatter des Artikels für Zitationswerkzeuge, die diese Daten maschinell auslesen.
- Testament Salomos (griechischer Text, 1.–5. Jahrhundert n. Chr.)
- C. C. McCown, The Testament of Solomon (1922) — kritische Ausgabe
- Dennis C. Duling, ‘The Testament of Solomon’ in The Old Testament Pseudepigrapha, Bd. 1, hrsg. von James H. Charlesworth (1983)
