Bestiarium · Feuerschlange / Wächter
Boitatá
Der Boitatá: eine aus Feuer bestehende Schlange, die brasilianische Felder und Wälder vor Brandstiftung schützt. Überliefert von Padre Anchieta in demselben Brief von 1560, in dem auch der Curupira beschrieben wird.
Primärquellen
- José de Anchieta, Brief vom 31. Mai 1560: früheste Überlieferung
- Couto de Magalhães, O Selvagem (1876)
- Luís da Câmara Cascudo, Dicionário do Folclore Brasileiro (1954)
- Simões Lopes Neto, Lendas do Sul (1913): gaúcho-volkstümliche Überlieferung
Schutzmaßnahmen
- Wer den Boitatá direkt ansieht, erblindet oder verfällt dem Wahnsinn
- Er verfolgt und bestraft jene, die zerstörerische Feuer legen
- Am sichersten ist es, reglos mit geschlossenen Augen stehen zu bleiben, bis er vorüber ist
- Er schützt Felder und Wälder vor Brandstiftung
Cosmic Principle
- Michael
- Jötnar
- Jörmungandr
- Fenrir
- Æfsati
- Tutyr
- Donbettyr
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- Monas Hieroglyphica
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- Anch
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- Siegel Salomos
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- Der Berg Hermon: Wo die Wächter fielen
- Der Hermon: Wo die Wächter fielen
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- Blombos-Höhle
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- Das Hypogäum von Ħal-Saflieni
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- Morana / Marzanna
- Triglav
- Agdistis
Padre Anchieta sah in Brasilien zwei Dinge, die nicht in seine Kategorien passten. Das eine war der Curupira. Das andere war dies: ein leuchtendes Wesen, das sich nachts über das Land bewegte und das die Tupinambá die Feuerschlange nannten.
Die Feuerschlange
Im Tupi bedeutet mboi Schlange und tatá Feuer. Der Boitatá ist genau das, was sein Name sagt. Eine gewaltige Schlange, deren Körper von Flammen umhüllt ist und die sich nach Einbruch der Dunkelheit über offenes Grasland und durch Sümpfe bewegt. Ihre Augen brennen. In manchen Berichten besteht ihr ganzer Leib aus Feuer. Andere schildern eine körperliche Schlange mit glühenden Schuppen. In der gaúcho-Tradition des südlichen Brasiliens erscheint sie als rollende Feuerkugel, die erst dann schlangenförmig wird, wenn sie innehält.
Wer sie direkt ansieht, erblindet. In manchen Versionen verfällt man dem Wahnsinn. Die sicherste Reaktion besteht laut der von Simões Lopes Neto in Lendas do Sul (1913) gesammelten Volkstradition darin, vollkommen reglos mit geschlossenen Augen stehen zu bleiben und zu warten, bis sie vorüberzieht.
Was sie bewacht
Der Boitatá bestraft Feuer. Genauer gesagt bestraft er jene, die das Land in Brand setzen: Brandstifter, unvorsichtige Bauern, alle, die zerstörerische Feuer legen. In einem Land, dessen Landschaft seit Jahrhunderten von Brandrodung geprägt ist und in dem Waldbrände bis heute eine ständige Bedrohung darstellen, erfüllt der Boitatá dieselbe ökologische Funktion wie der Curupira: ein übernatürlicher Vollstrecker ökologischer Grenzen.
Der Curupira schützt den Wald vor übermäßiger Jagd. Der Boitatá schützt das Land vor übermäßigem Abbrennen. Zusammen bilden sie ein mythisches Doppelsystem des Naturschutzes.
Der Curupira und der Boitatá bilden in der brasilianischen Mythologie ein komplementäres Paar: Der Curupira bestraft jene, die den Wald leerjagen, der Boitatá jene, die das Land durch Feuer verwüsten. Beide wurden im selben Brief von Padre Anchieta aus dem Jahr 1560 überliefert.
Die Augen der Toten
Eine Tupi-Ursprungserzählung erklärt das Feuer. Während einer großen Flut, die das Land bedeckte, überlebte der Boitatá, indem er die Augen toter Tiere und menschlicher Leichen fraß. Das angesammelte Licht dieser Augen, Tausende von ihnen, über Wochen der Flut in sich aufgenommen, wurde zu dem Glühen, das die Schlange bis heute trägt. Als das Wasser zurückwich, blieb der Boitatá zurück und brannte mit geborgter Sehkraft weiter.
Das Bild ist eindringlich: ein Wesen, das im Licht der Toten sieht. Zugleich liefert es eine Herkunftserklärung für die Verbindung des Boitatá mit Tod und Wasser, zwei Elemente, die zu einem Feuerwesen zunächst nicht zu passen scheinen, in einer Flutmythologie aber durchaus Sinn ergeben.
Sumpfgas und Erinnerung
Die rationale Erklärung für Sichtungen des Boitatá ist das Irrlicht, in Brasilien fogo-fátuo genannt. Verrottende organische Materie in Sümpfen und Feuchtgebieten erzeugt Phosphin und Methan, die sich spontan entzünden können und dann flackernde blaue oder grüne Lichter hervorbringen, die sich unvorhersehbar über die Landschaft bewegen. Diese Lichter sind real, dokumentiert und in den sumpfigen Niederungen des südlichen und zentralen Brasiliens häufig.
Die Lichter erklären das Phänomen. Sie erklären nicht die Schlange. Die Tupi sahen etwas, das in der Dunkelheit brannte, und nannten es eine aus Feuer gemachte Schlange. Die Form, die Bewegung, die Wächterfunktion: Das sind kulturelle Deutungen, die auf einem natürlichen Fundament aufbauen. Das Feuer ist Physik. Die Schlange ist Bedeutung.
Einer Tupi-Ursprungserzählung zufolge erhielt der Boitatá sein Feuer, indem er während einer urzeitlichen Flut die Augen toter Tiere fraß. Das angesammelte Licht Tausender verschlungener Augen wurde zu dem Glühen, das die Schlange bis heute trägt. Ein Wesen, das im Licht der Toten sieht.
Quellen
Bibliographie. Dieselbe Liste findet sich auch im Frontmatter des Artikels für Zitationswerkzeuge, die diese Daten maschinell auslesen.
- José de Anchieta, Brief vom 31. Mai 1560: früheste Überlieferung
- Couto de Magalhães, O Selvagem (1876)
- Luís da Câmara Cascudo, Dicionário do Folclore Brasileiro (1954)
- Simões Lopes Neto, Lendas do Sul (1913): gaúcho-volkstümliche Überlieferung
