Bestiarium · Esoterisches Symbol
Anch
Der Anch ist das ägyptische Hieroglyphenzeichen für Leben, ein Kreuz mit einer Schlaufe am oberen Ende. In der ägyptischen Kunst erscheint er in den Händen fast aller großen Gottheiten, an der Schlaufe gehalten und den Nasenlöchern von Pharaonen und Verstorbenen dargeboten. Über seinen Ursprung wird gestritten: Als Möglichkeiten gelten ein Sandalenriemen, ein Isis-Knoten und ein stilisierter Wirbel. Die koptische Kirche übernahm ihn als crux ansata und verband pharaonische Symbolik mit christlicher Theologie. In der modernen Esoterik gilt er als allgemeines Zeichen des ewigen Lebens und verborgenen Wissens.
Primärquellen
- Pyramidentexte (ca. 2400–2300 v. Chr., Altes Reich) — früheste textliche Belege für den Anch als „Leben“
- Alan Gardiner, Egyptian Grammar (1927, 3. Aufl. 1957) — Zeichenliste S34, Klassifikation und phonetischer Wert
- Andrew Gordon und Calvin Schwabe, The Quick and the Dead (2004) — Theorie vom Brustwirbel als Ursprung des Anch
- Wolfhart Westendorf, 'Zur Deutung des Lebenszeichens' in Göttinger Miszellen (1983) — Theorie vom Sandalenriemen
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- Apophis / Apep
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- Morana / Marzanna
- Triglav
- Agdistis
Der Anch ist ein Kreuz mit einer Schlaufe am oberen Ende. In den ägyptischen Hieroglyphen steht er für das Wort ꜥnḫ, also Leben. Er gehört zu den am häufigsten dargestellten Symbolen der gesamten ägyptischen Kunst: in den Händen von Göttern, in Tempelwände gemeißelt, auf Särge gemalt, in Gold für königlichen Schmuck gegossen und in Ton für Amulette gedrückt, die man den Toten mit ins Grab gab.
In Reliefs und Malereien wiederholt sich dieselbe Szene über drei Jahrtausende hinweg fast unverändert. Eine Gottheit, oft Isis, Amun oder Hathor, hält den Anch an seiner Schlaufe und streckt ihn dem Gesicht eines Pharaos oder eines Verstorbenen entgegen. Der Anch berührt die Nase und den Mund oder nähert sich ihnen. Die Geste bedeutet: Atem wird gegeben, Leben wird gegeben.
Was die Form darstellt
Niemand weiß mit Sicherheit, welches Objekt der Anch eigentlich abbildet. Alan Gardiner, dessen Egyptian Grammar bis heute das Standardwerk zur Klassifikation hieroglyphischer Zeichen ist, führte ihn als Zeichen S34 und beschrieb ihn als eine Art Knoten, ohne das ursprüngliche Objekt genauer zu bestimmen. Mehrere Theorien konkurrieren miteinander.
Wolfhart Westendorf schlug 1983 vor, dass der Anch von einem Sandalenriemen abgeleitet sei. Die Schlaufe würde um den Knöchel liegen, der senkrechte Balken über den Fuß verlaufen, und der Querbalken würde die seitlich abgehenden Riemen darstellen. Das ägyptische Wort für Sandalenriemen klingt phonetisch ähnlich wie ꜥnḫ, was diese Verbindung stützt.
Andrew Gordon und Calvin Schwabe boten in ihrem Buch The Quick and the Dead von 2004 eine andere Deutung an. Ihrer Ansicht nach stellt der Anch einen von oben gesehenen Brustwirbel dar. Der Wirbelkanal bildet die Schlaufe, die Querfortsätze den Querbalken und der Dornfortsatz den senkrechten Balken. Besonders Wirbel von Rindern, mit denen die Ägypter bei Schlachtung und Ritual häufig zu tun hatten, passen erstaunlich gut zu dieser Form.
Ein dritter Kandidat ist der Isis-Knoten, das sogenannte Tyet, das einem Anch mit nach unten gefalteten Armen ähnelt. Tyet und Anch erscheinen gemeinsam auf Amuletten und Särgen. Manche Forscher halten sie für Varianten desselben ursprünglichen Zeichens: das eine für Leben, das andere für den Schutz der Isis.
Die ehrliche Antwort lautet: Die Form war vermutlich schon so alt, als die Ägypter begannen, über sie zu schreiben, dass vielleicht nicht einmal sie selbst ihren Ursprung noch kannten.
Leben und Spiegel
Das Wort ꜥnḫ hat im Ägyptischen noch eine zweite Bedeutung: Spiegel. Ägyptische Handspiegel wurden seit dem Mittleren Reich in der Form des Anch gefertigt, mit einer polierten Metallscheibe an der Schlaufe und einem Griff am senkrechten Balken. Die Überschneidung von Leben und Spiegel ist wahrscheinlich kein Zufall. Das eigene Spiegelbild zu sehen, war mit dem Konzept des Ka verbunden, dem Lebensdoppel, jenem Aspekt des Selbst, der den Tod überdauerte.
In der Grabdekoration erscheint der Anch in Zusammenhängen, die die Grenze zwischen dieser Welt und der nächsten überbrücken. Er markiert Durchgänge. Er begleitet Opferszenen. Er wird von den Göttern gehalten, die dem Gericht in der Halle der beiden Wahrheiten vorsitzen. Wenn Anubis das Herz des Verstorbenen gegen die Feder der Ma’at wiegt, ist der Anch in den Händen der zuschauenden Gottheiten präsent.
Das koptische Kreuz
Als das Christentum nach Ägypten kam, kam der Anch mit. Koptische Christen, die direkten Nachfahren der altägyptischen Bevölkerung, übernahmen den Anch als ihre Form des Kreuzes. Sie nannten ihn crux ansata, das Kreuz mit Griff, und deuteten die Schlaufe als Symbol für die Auferstehung Christi und das ewige Leben.
Der Übergang war kein radikaler Bruch. Der Anch bedeutete bereits Leben und Leben über den Tod hinaus. Koptische Kunsthandwerker schnitzten ihn in Kirchenstürze, webten ihn in Textilien ein und gossen ihn in liturgische Gegenstände. In manchen frühen koptischen Kirchen erscheinen Anch und Chi-Rho, das Christusmonogramm, nebeneinander an derselben Wand. Das alte Symbol nahm die neue Theologie auf, ohne seine Form zu verlieren.
Moderne koptische Kirchen verwenden das Anch-Kreuz noch immer in ihrer Ikonografie. Es ist einer der seltenen Fälle, in denen ein Symbol ohne Unterbrechung direkt aus der pharaonischen Religion in eine lebendige christliche Tradition überging.
Weiterführende Lektüre
- Auge des Horus. Das andere große ägyptische Schutzsymbol, mit seiner eigenen Reise von Tempelwänden zu modernen Amuletten.
- Ouroboros. Ein weiteres ägyptisches Symbol, das über das hellenistische Alexandria in die westliche esoterische Tradition gelangte.
- Isis. Die Göttin, die am häufigsten mit dem Anch dargestellt wird und deren Kult ägyptische Symbolik durch die römische Welt trug.
Quellen
Bibliographie. Dieselbe Liste findet sich auch im Frontmatter des Artikels für Zitationswerkzeuge, die diese Daten maschinell auslesen.
- Pyramidentexte (ca. 2400–2300 v. Chr., Altes Reich) — früheste textliche Belege für den Anch als „Leben“
- Alan Gardiner, Egyptian Grammar (1927, 3. Aufl. 1957) — Zeichenliste S34, Klassifikation und phonetischer Wert
- Andrew Gordon und Calvin Schwabe, The Quick and the Dead (2004) — Theorie vom Brustwirbel als Ursprung des Anch
- Wolfhart Westendorf, ‘Zur Deutung des Lebenszeichens’ in Göttinger Miszellen (1983) — Theorie vom Sandalenriemen
